Fallbeispiele

Die Fälle sind zum Privatgebrauch und zur persönlichen Fortbildung bestimmt. Sie dürfen nicht publiziert oder vervielfältigt werden.

 

1.     Trigeminusneuralgie
2.  Nahrungsmittel-Allergie und Spina bifida
3.  Borreliose mit Meningitis und Gesichtslähmung bei einem Kind
4.  Furcht vergiftet zu werden
5.  Sich selbst in den Schlaf wiegen...Bericht einer kindlichen Schlafstörung.

6.  Depression nach der Geburt
7.  Nächtliche Angstzustände
8. 
Eine vollkommene Heilung
    (Heilung meines Dackels von einem Knochensplitter im Kehlkopf)

9.  Familiäre Überlastung: vier Kinder in fünf Jahren
10. Hyperaktives Kind mit ADS
 

 

 

#1

Trigeminusneuralgie

Die 68-jährige, kleingewachsene, vollschlanke Frau kommt am 10.10.96 erstmals zu mir wegen Gesichtsschmerzen.  Bereits vor 14 Jahren habe sie abends beim Fernsehen einen plötzlichen, starken Gesichtsschmerz links, vom Kiefergelenk über die linke Wange bis in die Zähne ziehend, verspürt. Dieser sei so stark gewesen, dass sie sich schreiend auf dem Boden gewälzt habe. Der Schmerz sei brennend und stechend und so heftig, dass sie nicht Sprechen oder Schlucken konnte. Die linke Gesichtshälfte ist geschwollen, leicht gerötet und heiß. Zusätzlich können stechende Schmerzen im linken Ohr dazukommen und Ausstrahlungen in Kiefer und Stirn vorkommen. Manchmal hat sie das Gefühl, als sei der Schmerz wie „ein elektrischer Schlag“. „Es ist so, als ob ich in Starkstrom greifen würde und als ob mir das Gesicht verbrannt wäre, ich tue höllische Schreie!“ Sie habe alle verfügbaren Ärzte aufgesucht und sei mit den verschiedensten Methoden, wie Strombehandlung und mit verschiedenen Medikamenten behandelt worden. Ihre Tochter, die Arzthelferin ist, hat eine Klinik in Holland herausgefunden, in der ist sie operiert wurde (Methode nicht bekannt) und später dreimal mit einer Nervenblockade behandelt wurde.

Heute nimmt sie u.a. noch 2x 400 mg Tegretal (seit Jahren !). Valium, Isoket, Diltaretard (Betablocker). Früher sei der Schmerz immer genau in der Zeit zwischen 19-20:00 Uhr gekommen. „Anfangs kam es mit dem Wetter, später aber ohne Grund. Ich habe die Familie ganz verrückt gemacht mit meinen Schmerzen. In der letzte Woche kam es aus heiterem Himmel wieder und zwar um genau 3:00 Uhr nachts. Mein armer Mann, der am Herz operiert ist, ist nachts weggelaufen, um den Arzt zu holen. Der hat mir dann zwei Spritzen gemacht. Ich habe immer Angst, dass es wiederkommt.“

Neben der Trigeminusneuralgie besteht eine Angina pectoris, die sie erst nach „einer übergangenen Grippe“ so richtig gespürt habe. Bei körperlichen Anstrengungen müsse sie „nach Luft schnappen“. „Wenn es schlimm ist, nehme ich auch ein Spray.“ Bei den Untersuchungen sei auch eine Sklerose der linken Carotis festgestellt worden. Sie leidet öfter an Anfällen von Drehschwindel, die im Liegen auftreten können. „Mit dem Rücken habe ich es auch, da habe ich schon soviel Spritzen bekommen“ Sie ist verfroren und hat immer einen Schal um. Sie hat fünf Kinder geboren, aber das sei „alles nichts im Vergleich zu den Nervenschmerzen.“

„Am meisten Angst habe ich vor den Schmerzen, das macht mich ganz verrückt. Ich glaube, bei mir ist es viel mit den Nerven. Letztes Jahr, hatte mein Mann einen Herzstillstand, was ich da mitgemacht habe! Fast wäre alles zu spät gewesen, er musste sofort zur Operation.“  Ingesamt erzählt die Patientin über 70% der Zeit nur von den Ärzten und deren Aussagen und Maßnahmen, weniger von ihren Beschwerden. Sonderliche Gemütsymptome oder tiefere Persönlichkeitsmerkmale sind nicht zu erfahren. Die gesamte Leidensgeschichte ist von Irrungen und Wirrungen geprägt, eine Akzeptanz der homöopathischen Behandlung schein mir damals fast undenkbar.

Rubriken:

Gesicht; SCHMERZ; Brennend; links (9)

Gesicht; HITZE; schmerzhaften Stellen, der (1) spig. (allein)

Allgemeines; SCHOCK; Schlag, GEFÜHL wie ein elektrischer (77)

Gesicht; SCHMERZ; allgem.; plötzlich auftretend; u. plötzlich verschwindend (3)

Gesicht; SCHMERZ; allgem.; Kauen, beim (27)

Gemüt; EMPFINDLICH, überempfindlich; schmerzempfindlich (134 Complete)

Brust; ANGINA pectoris (53)

Atmung; ATEMNOT; Treppensteigen, beim (76)

Ohr; SCHMERZ; allgem.; erstreckt sich zum; Kieferknochen (1)

Ohr; SCHMERZ; allgem.; erstreckt sich zum; Stirn (5)

Gesicht; SCHMERZ; allgem.; Reden; verschlechtert (10)

Gemüt; FURCHT; Leiden, vor (24 Complete)

Verordnung: Spigelia LM 6, Dil 1, einmal täglich ein Teelöffel 

Materia Medica (gekürzt)

Boericke schreibt zu Spigelia:

„Spigelia ist ein wichtiges Mittel bei Perikarditis u. anderen Herzerkrankungen.

Hat besonders deutliche Beziehungen zu Augen, Herz u. Nervensystem. Hervorragend wirksam bei Trigeminusneuralgie. Passt vornehmlich für anämische, geschwächte, rheumatische u. skrofulöse Patienten. Stechende Schmerzen. Herzbeschwerden u. Neuralgie. SEHR BERÜHRUNGSEMPFINDLICH. FRÖSTELN IN DEN LEIDENDEN TEILEN; KÄLTESCHAUER GEHEN DURCH DEN KÖRPER.“

Mezger schreibt:

„Herzbeschwerden mit lebhaften stechenden Schmerzen, großer Erregung und Angst. Stürmisches Herzklopfen; muss sich auf die rechte Seite legen. Periodisch auftretende Neuralgien.  Die Schmerzen befallen meist die linke Seite und steigen und fallen mit der Sonne. Verschlimmerung durch Berührung, Bewegung, Erschütterung, durch Geräusch, ferner durch Sturm, Wetterwechsel und kalte Luft.“

Kent schreibt:

Im Arzneibild von Spigelia  treten die Schmerzen besonders hervor.

Das Mittel ist angezeigt für Menschen, die nach Erkältung schwach und rheumatisch geworden sind. Sie sind ganz heruntergekommen, ein Opfer ihrer Schmerzen. Kaum ein Nerv, der nicht betroffen ist. Schießende, brennende, reißende, neuralgische Schmerzen, besonders im Augen- und Kieferbereich, im Nacken und Gesicht, in den Zähnen und Schultern. Frauen sind so nervös, dass sie "davonfliegen" könnten; sie sind erregt, können nicht stillsitzen und haben keine Selbstbeherrschung.

Brennen im Gesicht und Nacken wie von heißen Nadeln. Neuralgische Schmerzen setzen sich im linken Auge oder in seiner Umgebung fest, besonders nach Erkältungen bei feuchtem, regnerischem Wetter.

Verlauf

Praxis 05.11.96

Keine Schmerzen, trotz Absetzen von Tegretal. Das Herz ist viel besser geworden, keine Atemnot, keine Angina pectoris, kein Schwindel. Es geht ihr sehr gut!

Verordnung: Spigelia weiternehmen

Praxis 30.1.97

Es geht gut, keine Schmerzen oder Herzprobleme. Einmal hatte sie so eine Vorstufe der Neuralgie, aber nur kurz und leicht.

Verordnung: Spigelia LM 12 Dil. 1.

Praxis 3.3.97

Es geht weiter gut.  Reduzierung der Dosis. Für mich ist die Behandlung damit weitgehend abgeschlossen und es wird kein neuer Termin mehr vereinbart. Ich gebe ihr vorsorglich eine Dosis Spigelia C 200 Globuli mit, die sie, nach Rücksprache mit mir, im Falle einer erneuten Verschlimmerung nehmen soll.

Bernd Schuster, Oraniensteinerstr. 50 c   65582 Diez

#2

Nahrungsmittel-Allergie und Spina bifida

Tanja, Anfang 1990 geboren, hat schon seit sechs Jahren ständig Bauchschmerzen, als sie mir im Oktober 1998 vorgestellt wird. Die Schmerzen in der Nabelgegend werden seit zwei Jahren immer häufiger. Bekannt ist eine Fruktose-Intoleranz, das heißt Tanja ist empfindlich auf Fruchtzucker.

Tanja ist schon oft krank gewesen, besonders hatte sie oft Mandelentzündungen und Mittelohrentzündungen, die öfter mit Antibiotika behandelt wurden. Die Mandeln wurden später entfernt. Man glaubte anfangs, dass man die Zerstörung der Darmflora durch die häufigen Antibiotikagaben für die Bauchschmerzen verantwortlich machen könnte und gab aus diesem Grund Mittel zur Darmsanierung, wie Symbioflor 1 und 2. Dieses Vorgehen brachte keine Besserung, die Bauchschmerzen bestanden weiter. Äpfel isst Tanja gerne, verträgt sie auch leidlich. Schwierig sind Trauben, Paprika und fast alle rohen Speisen, die sie aber gerne essen möchte. Bei der Inspektion des Kindes fallen die stark gezähnelten Schneiden (Brotmesser) der Zähne auf, die für uns Homöopathen ein Hinweis für eine chronische Krankheit sind. Sie hat oft Kopfschmerzen in der Stirn und Kopfschmerzen in Verbindung mit den Bauchbeschwerden. Sie hat Juckreiz der Haut und neigt zu Hautausschlägen in den Achselhöhlen.

Den meisten Hunger hat sie um die Mittagszeit. Die Bauchschmerzen treten meist eine Stunde nach dem Mittagessen auf. Es besteht bei den Schmerzen eine starke Auftreibung des Bauches mit Abneigung gegen einen Gürtel, also versetzte Blähungen. Tanja mag es nicht zu warm, es ist ihr eine kühle Umgebung lieber. Sie wirkt auf mich traurig und wenig kindlich-unbeschwert.

Meine erste Medizin war Sulfur in LM 6, die sie in der 2. Verdünnung (Dil. 2) einmal täglich einnehmen sollte. Die Verschreibung stützte sich auf das Verlangen nach Äpfeln und rohen Speisen, auf die Art der Leibschmerzen, die Art der Hautausschläge und die Unterdrückungen durch Antibiotika, wie die Temperaturmodalitäten.

Verlauf:

Besser waren sofort die Kopfschmerzen, der Juckreiz und der Hautausschlag. Sie möchte gerne Wurst essen, was sie aber wegen einer Phosphat-Allergie (bisher nie entdeckt) nicht darf. Ingesamt meint die Mutter, dass das Mittel eine „Reifeprozess” bei dem Mädchen ausgelöst und gefördert hat.

Im Dezember 1998 geht es Tanja schon besser. Sie kann eine Wurst ohne Phosphat vertragen, hat kaum noch Bauchschmerzen. Die Traurigkeit des Kindes in einer unbeschwerten Fröhlichkeit und Schlagfertigkeit gewichen. Sulfur wird weiter zur Behandlung alle zwei Tage gegeben.

Im Februar kommt es zu einer akuten allergische Reaktion. Tanja ist mit dicken Quaddeln übersäht und muss diese Stellen kühlen. Einige Gaben Apis LM 6 Dilution beenden dies schnell.

Im April 1999 kommt eine Allergie gegen Mehl hinzu, das heißt, sie wurde nun nachgewiesen. Sie klagte über heftige Übelkeit nach dem essen von Würstchen. Ein Stück Käsekuchen musste sie erbrechen. Auch eine Laktose (Milchzucker) Allergie wird nun entdeckt. Tanja klagt über Bauchkrämpfe.

Ich entscheide mich im nun für einen Wechsel der Arznei. Eines der akuten Mittel zu Sulfur ist die Brechnuss, Nux vomica. Diese Mittel hat als Grundidee eine allgemeine Überempfindlichkeit, gegen Geräusche, Gerüche, Zugluft, Beleidigungen, Misserfolg, Störungen, Alkohol, Medikamente und natürlich Nahrungsmittel. Es hat sich oft in meiner Praxis bewährt, um eine ganz allgemeine Reduzierung der Empfindlichkeit von Patienten zu erreichen. Da Nux-vomica Patienten gegen alles sehr empfindlich sind, natürlich auch gegen ihr Heilmittel, gab ich Nux vomica anfangs in einer nicht so starken Zubereitung, einer D 12 Dil. Diese war aber genau wie eine LM-Potenz, täglich zehnmal zu schütteln und es war abends ein Teelöffel der Arznei (1 Tropfen auf eine halbe Tasse Wasser) zu nehmen.

Dies war eigentlich der entscheidende Schritt in der Behandlung. Tanja ging es Anfang Mai 1999 recht gut, einmal musste sie nach einer Bratwurst erbrechen. Nach dem Erfolg der niedrigen Potenz stelle ich ab Ende Mai auf eine stärke Zubereitung, eine LM 6 von Nux vomica um.

Darauf hin wurde Tanjas Zustand kontinuierlich besser. Sie konnte jetzt sogar ohne Übelkeit zu haben im Auto mitfahren.

Sie kann nun eine Sorte Schokolade essen, eine die kein Sojalecithin enthält. Sie hat kein Kopfweh und ganz selten Bauchweh.

Am 25.8.99 kommt es zu einer Krise, als sie in einem Hotel einen Salatteller isst. Sie bekommt eine stark aufgetriebenen Bauch und viel Schmerzen. Nux vomica, in fünf Gaben innerhalb einer Stunde angewendet, hilft auch hier.

Ab Ende 1999 höre ich seltener von Tanja, es geht ihr gut. Wir stellen die Medizin auf eine LM 12 um, nachdem die Flasche mit der LM 6 verbraucht war.

Im Juni 2000 dann eine erneute Hiobsbotschaft, allerdings den Rücken betreffend. Tanja hat eine milde Form einer Spina bifida (offener Rücken), der Wirbelkörper LWS 5 ist gerissen. Sie klagt über Rückenschmerzen und kann sich nur wenig belasten. Tanja wächst nicht richtig! Da es sich um einen ernsten Befund handelt, stelle ich auf Calcium phosphoricum um, das die Spina bifida, das gestörte Wachstum und auch die Knochenbeschwerden hat.

Die Reaktion ist gut. Tanja wächst bis November 2000 um vier Zentimeter und hat wenig Rückenschmerzen. Die Allergiebeschwerden sind erträglich. Ab Februar 2001 kann sie sogar Käse essen! Sie ist 7 cm gewachsen. Nux vomica in D 12 kann sie nehmen, wenn mit dem Essen etwas schief geht und Bauchschmerzen kommen. Sie bekommt später Calc-phosphoricum in der LM 18. Im Dezember 2001 setze ich alle Mittel ab, weil nach meinem Eindruck nichts mehr nötig ist.

Ende Januar 2001 geht es Tanja wieder schlechter. Es ist ihr wieder mehr übel und der Rücken meldet sich auch mit Schmerzen. Ich bestelle sie ein. Nach einer Untersuchung des Rückens stelle ich fest, dass das Gebiet über dem Wirbelriss extrem schmerzhaft ist, was kein gutes Zeichen für den Verlauf einer Spina bifida ist. Ich entscheide mich für die Injektion von Gold (Aurum D 12). Dies ist eine Maßnahme, die mir in sehr vielen Fällen von schmerzhaften Arthrosen und anderen Knochen- und Knorpeldefekten bis hin zur akuten Osteomyelitis unschätzbare Dienste geleistet hat. So auch bei Tanja.

Nux vomica setze ich in der D 12 wieder als Dauermedikation als Dilution 1 an.

Im April 2001 geht es sehr viel besser. 

Der Rücken ist völlig schmerzfrei, sie geht wieder zum Voltigieren. Die Nahrungsmittelallergien sind im Griff, keine Ausreißer.

Anfang Januar 2003 sehe ich Tanja wieder. Sie ist jetzt größer als ihre Mutter, also fast 1,60 m. Der Rücken ist wieder etwas problematischer, weshalb ich eine Wiederholung der Aurum D 12 Injektion vornehme. Tanja nimmt Nux vomica D 12 etwa zweimal die Woche, jeweils einen Tropfen. Es geht prima, kaum Einschränkungen bei der Nahrung, sie kann im Vergleich zu früher, alles essen.

Letzte Information der Mutter: Bei einer Röntgenkontrolle der Lendenwirbelsäule war der Riss. der auf die Spina bifida zurückzuführen ist,

nicht mehr darstellbar!

Bernd Schuster  Oraniensteinerstr. 50c  65582 Diez

#3

Borreliose mit Meningitis und Gesichtslähmung bei einem Kind

Vorgeschichte

Ich kenne Tobias (Mai 1992 geboren), der das Mittelkind von drei Kindern ist und seine Familie, einschließlich der Großeltern bereits seit mehr als zehn Jahren, sowohl als Patienten, wie als Nachbarn. Ich kann deshalb den Verlauf und die Besserung in diesem Fall genau beurteilen, weil ich Tobias öfter sehe.

Die Heilung eines solch schweren Falles einer Gesichtslähmung bei einem Kind, einer staken Reizung der Hirnhäute und die damit zusammenhängenden Schmerzen sind nicht in jedem Fall möglich. Voraussetzung ist immer eine Familie, die mit der Methode der Homöopathie vertraut ist, die Krankheitszeichen korrekt beobachten und berichten kann und die letztlich auch das Vertrauen auf den Behandler setzt, eine Heilung ohne die Anwendung von Antibiotika zu erreichen.

Ich lernte Tobias schon als ganz keines Kind kennen. Am 1.12.1992 kam er erstmals als Patient mit einer Bronchitis, bei der ein  lautes Schleimrasseln, Heiserkeit, Nasenverstopfung und die Unfähigkeit den fädigen, zähen Schleim loszuwerden, bestimmend war.

Sein erstes Mittel war Kalium-bichromicum LM 6. Später bekam er einen juckenden Hautausschlag um den Hodensack und an den Oberschenkeln, der Petroleum forderte. Februar 1994 hatte er eine Mittelohrentzündung, die ihn heftig vor Schmerzen schreien ließ zusammen mit einem Durchfall beim Zahnen der Backenzähne. Chamomilla half. Später im Jahr hatte er einen Krupp, mit tiefem Klang und wieder diesen festen Schleim, der nicht zu lösen war. Er bekam wieder Kalium bichromicum. Im November 1997 bekam er Dellwarzen, die wir mit Calcium-carbonicum beseitigen konnten. Anzumerken ist, dass in dieser Zeit sein späteres Heilmittel, das er für die Gesichtslähmung bekam, Causticum, in der Repertorisation bereits auf Platz 2 erscheint. Ab 1998 stellten sich dann merkwürdige Symptome ein: Er hatte Angst vor Skeletten und mochte deshalb nicht in sein Bett gehen. Er erzähle hastig und mit deutlich ängstlichem Gesicht seine eingebildeten Visionen verschiedener Skelette, die ihm erschienen und eine fürchterliche Angst in der Nacht begründeten.

Dazu kam ein oftmaliges Nasenbluten nachts. Später hielten die Skelette auch in die Träume des Kindes Einzug, so das er erschreckt aus diesen Alpträumen erwachte. Dazu kam ein Schielen nach innen, was er früher nicht in dieser Form hatte. Meine Verschreibung war Belladonna (auch ein Mittel, dass er später bei der Meningitis in Zusammenhang mit der Borreliose brauchte). Belladonna brachte eine Besserung aber einige Zeit später, fühlte er sich nachts regelrecht von den Skeletten verfolgt und er glaubte in Gefahr zu sein. Zudem war eine Furcht vor Hunden deutlich, die auch schon unter Belladonna zu bemerken war. Ich gab im Stramonium, eine Verwandte der Tollkirsche, was eine deutliche Besserung des Zustandes brachte. 1998 bekam er abends Bauchschmerzen in der Nabelgegend, verbunden mit Gurgeln in den Därmen und die Warzen kamen wieder. Meine Verschreibung war Sulfur, auch ein Mittel, das er später wieder brauchen sollte.

Die akute Borreliose

Die Behandlung kam eigentlich zufällig zustande. Ich ging am Donnerstagabend den 17.10.2002 mit meinem Dackel spazieren und traf den Vater von Tobias, den ich nach den Kindern fragte. Er erzählte mir, dass es Tobias nicht gut ginge, er hätte ein schiefes Gesicht. Der heute morgen besuchte Arzt habe ein Vitaminpräparat verschrieben. Meine spontane Idee war, dass eine Gesichtslähmung bei einem Kind, ohne das offensichtliche Vorliegen anderer Symptome nur eine Borreliose mit Hirnnervenbeteiligung als Ursache haben konnte. Kurz später rief die Mutter an und berichtete, dass Tobias in der letzten Zeit dreimal einen Zeckenbiss hatte und dass sie das Tier entfernt hätte. Wir kamen dann schnell anhand der Symptome auf das Heilmittel Causticum, das ich in der Praxis bei gleichartigen Beschwerden schon oft erfolgreich gegeben hatte. Causticum wurde sofort bei mir abgeholt und noch am Abend gegeben.

Die 5 Globuli der C 200 wurden in einer halben Tasse Wasser aufgelöst und es wurden drei Teelöffel innerhalb von 30 min. gegeben. Diese Gabe war an den folgenden beiden Tagen jeweils einmal zu wiederholen, Freitag zwei und Samstag ein Löffel.

Am Montag den 21.10.02 kam Tobias mit seiner Mutter in meine Praxis

(Videodokumentation). Seine Beschwerden waren schon gebessert, aber man sah noch deutlich eine linksseitige Facialislähmung, die sich in der Lähmung der Augenlidmuskeln, der Lippenmuskeln und der Mimikmuskeln zeigte. Das linke Auge tränte und war nicht voll zu schließen. Beim Lachen blieb die linke Gesichtshälfte schlaff und der Mundwinkel links hing herab, verbunden mit Speichelfluss. Das Gesicht war einseitig links gerötet und es bestand ein starker, drückender Hinterhauptschmerz, der durch Bücken und Kopfbeugen nach hinten, Licht und Lärm zunahm. Der Nacken und die Muskeln der Halswirbelsäule waren verspannt und sehr schmerzhaft. Die Lippen waren taub, die linke Gesichtshälfte zuckte ab und zu und es bestand ein merkwürdiger, taumeliger Schwindel mit  Gangunsicherheit. Tobias war extrem empfindlich gegen Geräusche (”Mach das Radio aus!”). Im linken Ohr wurde ein drückender Schmerz beschrieben. Auffallend war die linke, gerötete Wange, in der ein deutliches Hitzegefühl bestand.

Ich verwendete folgende Rubriken des Repertoriums:

Gesicht; LÄHMUNG; einseitig (10, Anzahl der Mittel)

Auge; LÄHMUNG; Lider; Oberlider (41)

Gesicht; FARBE, VERFÄRBUNG; rot; links (12)

Kopfschmerz; DRÜCKEND; Hinterkopf (146)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Bücken, durch (126)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Muskulatur des Halses, mit Schmerzen in;

des Nackens (68)

Schwindel; TAUMELIGER Schwindel  (44)

Rücken; STEIFHEIT; Zervikalregion (148)

Gesicht; HITZE; brennende Hitze; und Röte der linken Gesichtsseite (8)

Gesicht; TAUBHEIT; Lippen (10)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Kopfbeugen, beim; nach hinten (31)

Ohr; SCHMERZ; Drückend; links (5)

Gemüt; EMPFINDLICH, überempfindlich; Geräusch, gegen ) (94)

Gesicht; ZUCKEN  (79)

Die Repertorisation bestätigte Causticum, das bereits in den letzten Tagen gegeben worden war. Causticum nimmt den ersten Rangplatz ein, dahinter kommt Spigelia.

Ich hatte ein Problem mit der strengen Linksseitigkeit der Beschwerden. Causticum ist zwar ein wunderbares Mittel für einseitige Gesichtslähmungen, aber seine Betonung liegt doch klar auf der rechten Gesichtsseite. Ich hatte in der Praxis vor Jahren einen Fall einer Borreliose mit Gesichtslähmung links, bei dem ich ebenfalls Causticum mit Erfolg gegeben hatte. Dies war aber eine schmerzlose Lähmung, das heißt, die Patientin hatte keine Gesichts- oder Kopfschmerzen, nur ein Brennen und Wundheitsgefühl der Rückenhaut. Aber hier war ein linksseitiger Ohrschmerz, den Causticum nicht hat, aber Spigelia, und dann war da noch die Rötung und Hitze der linken Wange, die Causticum auch nicht im Bild hat, aber Spigelia. Tobias hatte starke Kopf- und Nackenschmerzen, eine Beschwerde, die deutlich in Richtung Spigelia zeigte, ist dieses Mittel doch bekannt für starke Schmerzen am Tage. 

Der Erfolg der ersten Causticum-Gabe sprach eigentlich für  Causticum. Meine Erfahrung aus damals 25 Praxisjahren hat es mich gelehrt, die kleinen Hinweise der Lebenskraft auf ein Mittel nicht zu ignorieren, und so fragte ich mich: Warum gerade links und warum gerade diese Hitze und Röte der linken Wange, die eigentlich bei einer Facialisparese nicht notwendig zum Bild gehört? Ich quälte mich ziemlich mit der Arzneimittelwahl und sah noch Literatur ein. Ich entschloss mich - schweren Herzens - zu Spigelia zu wechseln, das ein wunderbares Mittel für entzündliche Neuralgien, besonders des Trigeminusnerves ist,  aber nicht als wirksam bekannt ist bei einer Facialisparese, obwohl das Mittel im Repertorium bei linksseitiger Facialisparese einwertig notiert ist, während Causticum fehlt.

Verordnung: Spigelia C 200 Globuli, wieder in Wasserauflösung am ersten Tag drei Teelöffel, am zweiten Tag zwei Teelöffel, am dritten Tag ein Teelöffel.

Die Mutter sollte bei jeder Veränderung Bescheid sagen und einen Blutest auf Borreliose Antikörper machen lassen, der später als positiv zurückkam.  Der Arzt machte dann in seiner Praxis großen Aktionismus, als er mit meiner Diagnose konfrontiert wurde, und wollte das Kind sofort in die Uniklinik einweisen, wo Antibiotika- Infusionen und ein Lumbalpunktion gemacht werden sollten. Die Mutter verweigerte dies und gab den Hinweis auf eine homöopathische Behandlung, die allerdings als nicht ausreichend betrachtet wurde.

Verlauf

Mit großer Erleichterung berichtete die Mutter am 22.10., das Tobias in der Nacht gut und ruhig geschlafen hatte, was immer ein Hinweis auf eine korrekte Arzneimittelwirkung bei einem Schmerzfall ist. Die Rötung der Wange war bereits am nächsten Tag verschwunden, genauso wie die Hitze. Das Kopfweh war besser aber nicht weg. Das Lähmung des Augenlides war rückläufig. Das Ohr links tat noch etwas weh.

Am  24.10. zeigte sich weiterhin eine deutlich zunehmende Besserung aller Beschwerden. Der Mundwinkel war besser, das Auge weiter gebessert, das Kopfweh und die Nackensteifigkeit rückläufig. Der Schlaf weiter gut.

Am 25.10. ist der Mund wieder gerade, das Auge ohne Fehlfunktion. Dafür tritt nun ein hämmernder Kopfschmerz auf, der Nacken ist wieder mehr verspannt, er neigt zum Zusammenziehen der Augenbrauen beim Sprechen. Tobias hat neuerdings eine Neigung zum Liegen, rennt nicht mehr herum.

Hoppla!, da kommt noch etwas nach! Da ist eine klare Reizung der Hirnhäute festzustellen! Da scheint also noch eine Meningitis zu kommen. Dennoch war hier die Arzneimittelwahl eindeutig und einfach vorzunehmen. Ein hämmernder, pulsgleicher Kopfschmerz in Verbindung mit einer Meningitis, eine Verschlimmerung der Schmerzen bei jeder Bewegung, beim Treppensteigen, bei Kopfbeugen, bei Geräusch und das Vermeiden jeder Bewegung das war klar die Tollkirsche, Belladonna.

Ich benützte zur Repertorisation folgende Rubriken:

Kopfschmerz; HÄMMERND (43)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Treppensteigen, beim (44)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Muskulatur des Halses, mit Schmerzen in;

des Nackens (68)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Kopfbeugen, beim; nach hinten (31)

Kopf; PULSIEREN,  (162)

Gesicht; ZUSAMMENZIEHEN (vgl. Verzerrt) (22)

Kopfschmerz; ALLGEMEIN; Geräusch, durch (72)

Allgemeines; LIEGEN; Hinlegen; Neigung, zum  (100)

Auf Platz eins ist klar Belladonna, das ich in der LM 6 Dilution verschrieb. Eine LM-Potenz verschrieb ich, weil ich eine problemlose Wiederholung der Medizin erreichen wollte. Das Mittel sollte einmal täglich nach zehnmaligem Schütteln als Dil. 1 (ein Tropfen in 1/2 Glas Wasser) gegeben werden.

1.11.02

Alles in Ordnung, Tobias geht es gut. Da er keine Beschwerden mehr hat, geht er schon wieder in die Schule.

8.11.02

Tobias klagt über schwere Beine und hat Kopfschmerzen, die zum linken Ohr ziehen. Nach der Phase der Besserung und Symptomfreiheit kann dies nur eine Überdosierung anzeigen. Ich lasse das Mittel absetzen. Keine Medikation mehr.

22.11.02

Tobias hat keinerlei Beschwerden. Er kommt in die Praxis, weil ich die Meinung geäußert habe, dass der akuten Krankheit, bei der zwei wenig tief wirkende Pflanzenarzneien, Spigelia und Belladonna gegeben wurden, noch eine tiefer wirkende Behandlung nachfolgen sollte.  Wir nahmen alles auf, was auffallend und sonderlich war und kamen auf Sulfur, das er früher schon einmal hatte. Wichtig ist mir dabei, dass ich das Geschehen als eine aktivierte Psora betrachte, denn die Lähmung ist eine Minusfunktion, die typisch für das Miasma ist. Ich verwende hilfsweise bei Borreliose die Rubrik Fieber; RÜCKFALLFIEBER (Borreliose) (6) : Calc., Ferr., Psor., Sulph., tub., ars.

Ich teile nicht die Meinung, die von einigen Kollegen vertreten wird, das es sich um eine syphilitische Krankheit handelt. Bisher habe ich bei Borreliose immer antipsorische Mittel zur Heilung gebraucht, wie auch die obige Rubrik das psorische Miasma deutlich zeigt. Es zeigt sich auch ein Bezug zum Miasma der Tuberkuline, das bei Tobias auch eine Rolle spielte (Bronchitis, Krupp).

Rubriken

Allgemeines; KÄLTE; Erkältungsneigung (93)

MIND; UNTIDY (9) (Unordentlich)

Extremitäten; HITZE; Fuß; Bett, im (10)

Extremitäten; HITZE; Fuß; brennend; entblößt sie (15)

GENERALITIES; FOOD and drinks; cold; food; agg. (96)

(Er mag Eis, verträgt es aber nicht)

Haut; WARZEN (vgl. Wucherungen) (65)

Fieber; RÜCKFALLFIEBER (Borreliose) (6)

Sehen; WEITSICHTIG (39)

Auge; STRABISMUS (49)

Gemüt; EILE; Essen, beim (14)

Gemüt; FURCHT; Gespenstern, vor; nachts (8)

Verordnung: Sulfur LM 6 (war noch vorhanden), einmal täglich, in der vorstehend beschriebenen Dil. 1 für eine Woche, später alle zwei Tage ein Löffel.

19.12.02

Total gut! Tobias ist völlig beschwerdefrei. Die Warze, die lange am Fuß bestand, geht weg. Er ist in der Schule viel besser geworden und schreibt tolle Noten. Kein Zusammenziehen der Augenbrauen beim Sprechen mehr. Eine weitere Mittelgabe erscheint unnötig. Ich setze Sulfur ab.

 10.1.2003

Tobias geht es auch ohne Mittel sehr gut. Ein Rückfall ist bei dem bisherigen günstigen Verlauf und der sachgemäßen, natürlichen Heilung nicht zu erwarten.

 

#4

Furcht vergiftet zu werden

Der nachfolgende Fall ist einer der ersten, die mit dem 1995 erstmals geprüften Mittel Cola nitida (Abkürzung Kola im Repertorium), der Colanuss, die in Westafrika gewohnheitsmäßig gekaut wird, behandelt wurde.

Der Hauptinhaltsstoff des Colasamens das Koffein, ist das weltweit beliebteste Stimulans überhaupt. Koffein ist in Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao, Guarana, Mate und vielen allopathischen Arzneimitteln, vor  allem in Schmerzmitteln, enthalten.

Koffein gehört zu den psychoaktiven Drogen, zu denen auch die stärker wirkenden Mittel Heroin, Cocain, Haschisch, Nikotin und Alkohol zählen.

Fall

Die 28 -jährige, schlanke Frau stellt sich erstmals bei mir am 28.8.97 vor. Es handelt sich nachfolgend um eine gekürzte Abschrift des Videos, um die Patientin mit den eigenen Worten sprechen zu lassen, denn Hahnemann fordert in § 84: „Er schreibt alles genau mit den nämlichen Ausdrücken auf, deren der Kranke und die Angehörigen sich

bedienen.“

„Ich habe drei Dinge: ich bin immer müde und mir ist immer schlecht,

das Dritte habe ich schon wieder vergessen“ beginnt sie. „Ich vergesse immer, was ich habe und werde dann davon aufgeschreckt. Schlecht ist es mir, weil ich immer zuviel esse. Das fing schon nach der Geburt an. Ich bin nicht gestillt worden. Das Fläschchen habe ich immer erbrochen und deshalb oft nichts gegessen. Meine Mutter hat mich oft geschlagen, wenn ich nichts essen wollte und mich gelobt, wenn ich gegessen habe. Heute weiß ich überhaupt nicht mehr, wie viel Essen ich brauche, ich esse oft zuviel und es wird mir schlecht. Morgens esse ich drei Brote, in der Mittagszeit wird mir übel und schwindlig. Ich habe keinen Hunger, esse ich aber etwas, dann ist es sofort zuviel. Ich merke eigentlich gar kein Hungergefühl, das ging verloren mit den Jahren. In der Pubertät habe ich dann richtig viel gegessen, da war es mir ständig schlecht. Wenn ich morgens nur einen Apfel esse, habe ich Heißhunger so um 11:00 Uhr. Es wird mir schwindelig, wenn ich dann nichts esse. Ich zittre, werde nervös, bin schlecht drauf, werde hektisch, gereizt. Oft habe ich auch ein Völlegefühl, der Bauch ist aufgedunsen. Die Kleidung stört mich.

In der Pubertät war der Bauch sofort aufgebläht, das konnte ich nicht leiden.

Ich habe seit dieser Zeit schon das Gefühl, dass mich Jemand vergiften will.  Meine Mutter hat aber gesagt, dass ich schon als Kind das Gefühl hatte, es wolle mir jemand etwas antun. Damals fing auch die Müdigkeit an. Ich habe dann Aufputschmittel kennen gelernt, bin abhängig geworden von Speed. Dadurch war dann der Hunger weg und die Müdigkeit. Ich hatte das Gefühl, dass ich daran möglicherweise sterbe, dass ich verrückt werde. Wenn jetzt etwas in der Presse oder im Fernsehen kommt über das Thema „Lebensmittelvergiftung“, muss ich ständig kontrollieren. Ich habe das Gefühl, dass ich das Pech habe, an vergiftete Lebensmittel zu kommen. Ich habe das Gefühl, es will mich jemand töten, ein Gefühl, dass ich auch als Kind schon immer hatte. Es ist nicht nur die Vergiftung durch Essen, sondern das Gefühl, es hat es jemand auf mich abgesehen. Das könnte jeder sein, ich habe das Tag und Nacht! Nein, im Bett fühle ich mich sicher. Diese Gedanken kamen stark als ich mit den Drogen aufhörte. Es konnte jeder sein, auch die ältesten Vertrauten. Ich habe niemand mehr vertrauen können, das hat 2-3 Jahre angehalten.

Ich denke heute mehrfach am Tage daran, vergiftet zu werden. Dazu kommt, dass ich eine panische Angst habe mich zu übergeben. Als Kind musste ich mich oft nachts übergeben, da es mit dem Essen bei mir nicht geklappt hat. Ich wollte dann immer bei meiner Mutter ins Bett, aber die wollte mich nicht zu sich nehmen. Ich habe mich sehr gefürchtet, dass es passiert. Übergeben hat für mich immer etwas mit sterben zu tun. Wenn ich tatsächlich vergiftet werde, wird mir schlecht und dann muss ich mich übergeben. Dann ist die Angst perfekt.

(Haben Sie das Gefühl in Gefahr zu sein?)

Ich hatte viel mit Drogen zu tun, das ist ja nicht so ungefährlich. Außer Speed habe ich Cocain, LSD und Haschisch genommen, auch Extasy. Seit vier Jahren bin ich ohne Drogen. Ich weiß wohl, dass es real keiner machen wird, aber ich habe trotzdem Angst davor vergiftet zu werden. Ich glaube, das basiert auf Kindheitserlebnissen. Da bin ich geschlagen worden, weil ich nicht richtig gegessen habe, ich wurde teilweise auch sehr gequält von meinen Schwestern.

(Wie gequält worden?)

Sie haben mich oft auf einen Schrank gesetzt und haben sich lustig gemacht. Die älteren Geschwister mussten mich mitnehmen, weil mich meine Mutter weg haben wollte für ein paar Stunden. Die haben dann mit mir „experimentiert“. Sie haben mich in die Waschküche gesetzt, wo Spinnen waren und ich durfte nicht mehr aufstehen. (Pat. weint)

Ich möchte so viele Dinge tun, aber sobald ich mich hinsetze habe ich so eine Müdigkeit, dass ich schlafen müsste, aber ich will nicht schlafen, weil es viele schöne Dinge gibt, die ich tun möchte. Der Tag kommt mir immer zu kurz vor. Ich habe immer ein Gefühl von Hetze und Stress. Jeden Tag ist aufs Neue die Zeit zu kurz. Ich könnte mich zu jeder Tageszeit einfach hinsetzen und einschlafen.  Ich jammere jeden Tag darüber, dass die Zeit einfach zu kurz ist, es gibt soviel was getan werden muss!

Am liebsten würde ich gar nicht mehr schlafen.

Manchmal lege ich mich mit meiner Tochter (2,5 Jahre) mittags hin. In der Schwangerschaft war der Wahn am schlimmsten, weil ich das Gefühl hatte, ich muss das Kind zusätzlich schützen. Ich habe bei den Lebensmitteln nur noch aufgepasst und habe ganz vorsichtig gegessen.

Ich habe niemand getraut, auch keinem Arzt.

Die Vergiftungsprobleme haben angefangen, als ich merkte: „Jetzt bist Du abhängig von den Droge!, du musst Dich entscheiden. Du machst so weiter und wirst daran eingehen... Ich habe auch noch andere Sachen. Wenn ich eine Raum verlasse muss ich mich zehnmal umdrehen, um sicher zu sein, dass ich den Wasserhahn wirklich zugedreht habe. Ich habe immer wie blöde nachgeschaut, ob ich was vergessen habe. Das war mir sehr peinlich, ich musste das vertuschen.

Ich war mitten in der Sucht und musste immer kontrollieren, wollte nicht auffallen. Es war mir peinlich darüber zu reden.

Ich bin geräuschempfindlich. Ich mag nicht laute Musik oder laute Fernseher. Auch als Kind war das schon so. Ich hatte viele Geschwister und die brachten viele Freunde mit, da war es immer laut und ich konnte nicht schlafen. Ich habe mir schon immer meine Decke ganz fest aufs Ohr gedrückt.

Wenn ich zuviel esse wird mir schlecht, wenn ich zu wenig esse, wird mir auch schlecht. In der Drogenzeit habe ich kaum gegessen und habe sehr abgenommen. Ich habe nur 45 kg gewogen, ich habe mich wohlgefühlt mit dem dünnen Körper.

Nach dem Ende der Drogenzeit musste ich unheimlich viel essen, das habe ich auch von anderen gehört, denen es auch so erging. Es ist auf Entzug alles so weit weg und so leer, man möchte irgendetwas fühlen, weil man diese Drogen nicht mehr hat.

(Was haben Sie erlebt unter Drogen?)

Dieses wache Gefühl, man hat das Gefühl sehr präsent zu sein, fühlt sich sehr schlau, lustig und überlegen.  Ich fühlte mich toller.  Ich war mehr Ich, habe mich mehr selbst gefühlt. Ich hatte keinen Rausch, dieses „beduselt sein“ mag ich  nicht, ich will klar und wach sein. Wichtig war die Klarheit und das „Da-sein“. In der Pubertät war alles „ganz weit weg“ für mich, das war furchtbar, ich war benebelt, benommen, wie unter einer Glocke. Unter Speed war das alles weg. Ich habe die Droge sehr genossen, aber ich habe gemerkt, das geht nicht mehr. Ich werde verrückt davon.

Wenn ich das nicht eingenommen habe, war ich total weg, total müde, konnte nach 21:00 Uhr das Haus nicht verlassen. Ich wollte niemand sehen, der keine Drogen nahm, das war „meine Welt“. Alle anderen Leute waren langweilig.

Ich habe eine Zyste. Mein Gynäkologe gibt mit seit mehr als einem Jahr

Apis D 6 dagegen. (Sofort absetzen)

Vielleicht bin ich auch so müde, weil ich diese ganzen Ängste mit mir herum trage. Ich bekomme Panik, wenn es jemand schlecht ist. Übelkeit ist für mich Sterben, der absolute Zusammenbruch.  Ich habe nicht Angst vor dem Tod, ich habe Angst es kommt jemand und bringt mir den Tod. Ich möchte weglaufen, möchte mich vergraben, wenn die Angst kommt.

Von Alkohol werde ich sofort müde. Von Säften bekommen ich einen sauren Magen. Saure Gurken und ähnliches esse ich nicht, auch nicht Paprika und Wurst.

(Geruchsempfindlich?)

Ja, gegen Staub, auch faulige Gerüche kann ich nicht riechen. Verdorbene Lebensmittel kann ich nicht riechen, auch wenn ein Mensch nicht angenehm riecht, drehe ich mich einfach weg. Ich habe schon festgestellt, dass ich Menschen nach ihrem Geruch bevorzuge.  Stuhlgeruch ist nicht schlimm, Blumen sind gut, Auspuffgase und Benzin finde ihn nicht schlimm.

(Aufwachen morgens?)

Der Wecker kann so lange klingeln wie er will, ich wache nicht auf. Ich muss immer geweckt werden. Ich kann einfach nicht aufstehen! Ich habe drei Wecker, ich mache sie aus und schlafe weiter. Auch als ich allein gelebt habe, musste ich morgens immer zur Arbeit abgeholt werden. Aufwachen kann ich schon, aber nicht aufstehen. Ich gehe spät ins Bett, sehe gerne fern und unterhalte mich, da wird es schon mal 2:00 Uhr nachts.

(Träume?)

Ich träume, daß ich den Zug nicht bekomme. Ich träume immer die gleichen Träume. Ich werde verfolgt und ich töte die Leute, die mich verfolgen, aber es sind immer wieder neue da. Mich verfolgen Dämonen, auch Krieger. Ich beschütze auch andere Leute und haue den Dämonen mit dem Schwert den Kopf ab. Ich kämpfe nachts. Ich erinnere gerade einen Traum: Wir waren mit Leuten in einem Raum und haben getanzt. Dann kamen die dämonenartigen Krieger herein. Sie waren bewaffnet. Ich bin mit einem Schwert an die Tür gegangen und habe einem nach dem anderen den Kopf abgeschlagen. Dann bin ich aufgewacht. Ich träume auch regelmäßig, das ich verfolgt werde. Es ist ein Zug oder ein Flugzeug zu erreichen, ich schaffe das aber nicht und habe Angst. Ich hatte auch einen anderen Traum, der gut dazu passt: Ich war schwanger und suchte verzweifelt eine Platz, um das Kind zu bekommen. Ich habe verzweifelt ein Krankenhaus gesucht, aber es war immer Jemand hinter mir her, der mich töten wollte. Ich konnte ihm entkommen trotz des riesigen Bauches und habe ihn dann mit einem Messer erstochen.

Repertorisation vom 28.8.97

Allgemeines; ESSEN; Sättigung, schlechter durch Essen bis zur (11,Anzahl der Mittel)

Magen; ÜBELKEIT; Fasten, beim (10)

Magen; APPETIT; Heißhunger; vormittags; 11 Uhr (6)

Allgemeines; ZITTERN, äußerlich; Hunger, bei (7)

Gemüt; REIZBARKEIT; Essen, nach dem; gebessert (6)

Gemüt; WAHNIDEEN; vergiftet; würde, dass er (6)

MIND; DELUSIONS; murdered; he would be (25)

Abdomen; VÖLLEGEFÜHL (vgl. Magen) (137)

Gemüt; ZEIT; vergeht zu schnell (10)

Schlaf; EINSCHLAFEN; Sitzen, im (34)

Gemüt; GESCHWÄTZIGKEIT (vgl. Sprache) (100)

Gemüt; EMPFINDLICH, überempfindlich; Geräusch, gegen (vgl. Angst,

Geräusche, Ohr, empfindlich, Reizbarkeit durch Geräusche, Auffahren

bei Geräuschen) (94)

Gemüt; KLARHEIT (s. Ideen, Reichtum an) (3)

Gemüt; BENEBELT, Gefühl wie (3)

MIND; FEAR; nausea; from (3)

Nase; GERUCHSSINN; scharf (71)

Schlaf; SCHLÄFRIGKEIT; morgens (86)

Schlaf; TRÄUME; Kämpfen, von (41)

Schlaf; TRÄUME; verfolgt, wird (13)

Schlaf; TRÄUME; Reise, von einer (40)

Schlaf; TRÄUME; schwanger, ist (2)

Kommentar:

Dieser Fall hat einige wesentliche Symptome, die ich bei Kola-Patienten bisher beobachten konnte. Oft findet man den Missbrauch von Drogen in der Vorgeschichte. In diesem Falle werden die Drogen eingesetzt, um einige Symptome zu bekämpften, die für Kola zentral

sind:

1. die chronische Müdigkeit

2. die Essensprobleme, wie Zittern bei Hunger und Übelkeit bei Überessen,

3. das Gefühl innerer Leere, oder wie die Patientin sagt: “Es ist alles so weit weg und so leer, man möchte etwas fühlen, weil man diese

Drogen nicht mehr hat.“

4. die Träume, die verblüffend genau mit dem Prüfungstext überein stimmen.

Auch das Gefühl „immer in Hetze zu sein“, weil die Zeit als zu schnell vorgehend empfunden wird und die Geräuschempflichkeit sprechen für Kola.

Problematisch ist die Einschätzung der Vergiftungsideen. Sie sind sicher hochrangige Symptome, werden aber in der Prüfung von Kola nicht von einem der Prüferinnen oder Prüfer berichtet. Da es sich um ein neues Mittel in der Erprobungsphase handelt, kann man davon ausgehen, dass noch nicht alle Symptome von Kola durch diese erste Prüfung bekannt geworden sind. Da der Rest der Symptome sehr gut passt, ist dies tolerierbar.

Eventuell hat das Symptom auch mit den eingenommen Drogen zu tun und ist ein „überdauernder Rest“ einer Fehlwahrnehmung.

Verordnung: Kola Q 6 Dil.(Enzian-Apotheke, 81247 München, Verdistr. 54), Dil. 1, 1xtäglich.

Verlauf: Wiedervorstellung am 6.10.97

„Ich bin erkältet, bin noch müde. Kann mich immer hinlegen, Mittags ist die Müdigkeit besser. Ich esse noch drei Schnitten Brot morgens , aber das Zittern bei Hunger ist nicht mehr gekommen. Das Völlegefühl ist besser geworden. Anfangs hatte ich nach dem Essen noch das Gefühl, als hätte ich ein großes Tier im Bauch und das hielt auch stundenlang an. Das ist besser geworden und die Übelkeit ist auch besser.“

(Vergiftungsideen?)

Das benebelte Gefühl ist besser, aber wenn etwas zu essen kaufe, denke ich noch, dass ich ein vergiftetes Produkt kaufen könnte (lacht).

Es könnte sein, wenn jemand an mir etwas feststellt, das ihm nicht passt, ist er bereit mich zu vergiften. Das sind Leute, mit denen ich etwas zu tun habe, die ich kenne.

Es fing alles in der Drogenzeit an. Sogar meinem Partner habe ich zugetraut, dass er mir etwas antun, wenn ich schlafe. Ich denke, wenn die mich erschlagen wollen, tun die das auch irgendwann.

(Wo kommt diese Unsicherheit her?)

Ich weiß, dass es Unsinn ist, aber ich bin mir nicht sicher, es kommt aus mir raus, es kann mir passieren. Speziell eine Vergiftung kommt in Frage. Es taucht so plötzlich auf, dass ich denke: „Stelle lieber hier kein Getränk hin, es kommt jemand und schüttet etwas hinein, um dich zu vergiften!“

Das kann sich auf meine engsten Personen beziehen, meine Freunde, meine Mutter, meine Geschwister oder Arbeitskollegen, nicht Unbekannte. Jeder der mir nahe steht hat mir früher etwas angetan. Als Kind hat man mir in der Familie schon gesagt, ich sei verrückt. Als Kind habe ich einmal geträumt, dass ich mit meinem Bruder am Tisch saß und meine Mutter am Herd stand und kochte. Da drehte sie sich plötzlich um, es war eine ganz fremde farbige Frau!  Ich war als Kind einfach anders als meine Familie. Ich habe anders gesprochen, habe gesagt: „Das schmeckt rosa“. Im Abfluss habe ich Lichtpunkte gesehen,

vor denen ich Furcht hatte.

(Hat Kola die Ängste beeinflusst?)

Ich habe gar keine ängstliche Träume von Not, Kämpfen oder Verfolgung mehr geträumt. Ich hatte keinen schlechten Träume. Ich habe geträumt, dass ich Leuten, die mir nahe stehen, meine Meinung sage. also eher Positives.

(Sie haben den Eindruck einer Gefahr in Ihrer nächsten Umgebung?)

Zweimal hatte ich den Eindruck, etwas Vergiftetes zu kaufen, aber das war früher eher jeden Tag. Ich habe auch oft ein schlechtes Gewissen. Ich mache mir abends im Bett oft stundenlang Gedanken, ob ich was gesagt habe, das falsch war. Ich möchte noch erzählen, dass ich vor zwei Jahren um den Mund ein Ekzem hatte, das nur ganz schwer wegzubekommen war. Jetzt auf das Mittel habe ich nach einer Woche wieder eine offene Stelle bekommen und die Lippen haben sich brennend angefühlt, wie in dieser Zeit.

Ich habe das  Gefühl, dass es mit dem Essen und den Wahnideen jetzt kontinuierlich besser wird. Ich kann mir eher klar machen, dass die Gedanken Blödsinn sind.

Beurteilung

Die Besserung der Angst-, Verfolgungs- und Kampfträume ist ein Zeichen, dass das Mittel tief wirkt und auch unterbewusste Ängste erfasst und löst. Es zeigen sich Träume, in denen sie sich behauptet ganz ohne Krieg und Enthauptungen.

Die Müdigkeit ist in der Tendenz besser. Das Zittern bei Hunger, die  Unterzuckerungssymptomatik also, ist besser. Völlegefühl und Übelkeit sind besser.

Die Wahnidee vergiftet zu werden, deren Verschwinden ich mir am meisten gewünscht hätte, ist in der Häufigkeit reduziert, aber die Patientin macht den Eindruck noch lebhaft davon beherrscht zu sein. Ein gutes Zeichen ist auch die Wiederkehr des Ekzems im Sinn einer zurückgenommenen Unterdrückung eines allopathisch behandelten

Ausschlages.

Verordnung: Kola Q 6 weiter

26.10.97

Zittern ist weiterhin weggeblieben. Der Bauch ist besser, keine Verschlechterung nach Essen, kein Völlegefühl. Keine schlechten Träume mehr. „Die Klarheit des Denkens ist wieder da!“

Verordnung: Kola Q 6 weiter.

12.11.97

Sie kann sich nicht konzentrieren, wenn es dunkel ist. Starker Frost, auch im warmen Zimmer. Sie hat großes Verlangen nach Süßigkeiten, wie eine Sucht.

Das Gefühl „in Gefahr zu sein“ ist deutlich. Sie könnte vergiftet werden, oder sie könnte erschossen werden, von jemand, den sie kennt. Sie fühlt sich hilflos, weil jeder ihr etwas antun kann. Teilweise das Gefühl, dass jemand nach ihr greift, den sie nicht sehen kann. Es ist ein unsichtbarer Mann in Raum, der sie beobachtet.

Rubriken:

Gemüt; WAHNIDEEN, Einbildungen; vergiftet; würde, dass er

Gemüt; WAHNIDEEN, Einbildungen; Gefahr, Eindruck einer; von seiten

seiner Familie

Gemüt; WAHNIDEEN, Einbildungen; verfolgt wird, dass er

Gemüt; HILFLOSIGKEIT, Gefühl der

MIND; DELUSIONS; murdered; he would be

Beurteilung

Kalium bromatum hat das  Gefühl der Gefahr, die von nahestehenden Personen ausgeht, sehr deutlich. Diese Repertoriumsrubrik (Synthesis Seite 211) hat sich in meiner Praxis bewährt. Das Mittel hat auch die Vergiftungsideen. Cola zeigt in der ersten Arzneimittelprüfung keinen Bezug zu der „Wahnidee vergiftet zu werden“, was ein Unsicherheitsfaktor für die Verschreibung ist. Obwohl die Patientin insgesamt durch Kola gebessert war, wollte ich einen Versuch mit Kalium bromatum wagen, weil es die höchstrangigen Symptome, nämlich die Wahnideen vergiftet und getötet zu werden, klar abdeckt und diese Zeichen von Kola bisher nicht deutlich genug gebessert waren. Deshalb der Wechsel des Mittels in der Hoffnung, einen stärkeren heilenden Einfluss auf die Wahnideen zu gewinnen. Wenn Kola ein bereits bewährtes Mittel gewesen wäre, oder ein entsprechendes Prüfsymptom gekannt gewesen wäre, hätte ich sicher nicht gewechselt und abgewartet.

Verordnung: Kalium bromatum  LM 6 Dil 1, 1x tägl.

Leider brachte der Wechsel zu Kalium bromatum nichts. Nach einer anfänglichen Besserung der Bauchbeschwerden, stellte sich das Zittern und die Essstörung wieder ein.  Auch die Übelkeit kehrte zurück. Im Gemüt zeigte sich keine weitere Besserung der Vergiftungsideen, keine Zunahme an Lebenskraft oder positivem Denken oder Fühlen.

Nachdem das „Flattern und  Zittern“ Anfang Januar 1998 weiter schlechter war ohne eine Tendenz zur Besserung im Gemüt zu zeigen, kehrte ich am 14.1.98 wieder zu Kola Q 6 zurück. Daraufhin sofortige Besserung der Bauchbeschwerden, des Zitterns,

es Essverhaltens, der Energie und des Gesamtbefindens.

Beurteilung: Cola ist eindeutig wirksamer und ähnlicher als Kalium bromatum.

Die Heilung der Vergiftungsideen wird nun in Ruhe abgewartet.

23.1.98

Sie  hat ein „Zuckerprofil“  machen lassen, das im untersten Normbereich liegt.

Die Ärztin hat empfohlen fünfmal am Tag zu essen.

Das Essverhalten ist allgemein besser geworden. Übelkeit sehr selten. Sie hatte beim Einkaufen eine Flasche Milch erwischt, bei welcher der Sicherheitsverschluss nicht ganz in Ordnung war, da hat sie gedacht, dass diese Flasche sicher vergiftet ist.

„Als ich die Idee hatte mit den Drogen aufzuhören, da hatte ich das Gefühl, das bringt dich um. Ich dachte, der Magen würde ausgepumpt und ich würde daran sterben, es dreht sich viel um den Magen bei mir. Ich habe dann angefangen viel zu essen, aber das war total unangenehm. Das Schönheitsideal bei Frauen ist ja ein schlanker, flacher Bauch, ich habe deshalb immer den Magen eingezogen. Der Magen steht im Mittelpunkt. Der Magen ist besonders verletzlich, er muss besondere Aufmerksamkeit bekommen.“

(Welche Personen könnten Sie vergiften?)

„Es ist mehr Zufall, wenn es mich erwicht, Es gibt keinen, der es nicht sein könnte, ich habe Jeden in Verdacht. Das könnte ein Erpresser im Supermarkt sein. Wenn ich das überlege, ist das ein totaler Blödsinn. Natürlich vergiftet mich keiner, aber ich habe das Gefühl, es würde geschehen. Das ist wie eine Schallplatte, die festgefahrene Rillen hat,

das kommt immer wieder . Es ist nicht so, dass ich immer dran denke, aber es kommt immer wieder.“

Beurteilung:  Es zeigt sich eine weitere Distanzierung zur Gefahr vergiftet zu werden, die Häufigkeit der paranoiden Ideen ist deutlich geringer. Übelkeit und Essverhalten sind  gebessert.

Verordnung: Kola Q 6, Dil 1, 1x tägl. weiterhin.

Im März 1998 zeigt sich eine weitere Besserung bei den Vergiftungsideen. Sie rückt immer weiter davon ab. Kein Flattern und Zittern mehr. Müdigkeit und Hunger morgens besteht weiter. Keine ängstliche Träume unter Kola. Sie sagt: „Ich bin insgesamt normaler geworden“

Beurteilung: Das Mittel wirkt richtig, insgesamt ist der Hauptteil der Arbeit getan.

Ich verordne eine Reduzierung der Dosis.

Verordnung: Kola Q 6, Dil 1, alle drei Tage.

Weiterer Verlauf, Vorstellung am 31.7.98

(Die Vergiftungsideen sind nicht mehr wichtig?)

„Manchmal fällt es mir noch ein (lacht), aber scheinbar haben die mich vergessen (lacht). Manchmal denke ich noch daran  nachzusehen, aber es wird mir nicht mehr schlecht, weil ich denke, ich habe vergessen zu kontrollieren. Die unerklärliche. ständige Übelkeit ist weg.“

(Die Patientin hat in einer Praxis an ihrem Wohnort wegen „Blutübersäuerung“ in der Zwischenzeit Utilin S als Injektion mehrfach bekommen, möglicherweise auch andere, nicht regelrecht gewählte Mittel. Auch die Extraktion von drei Weisheitszähnen wird berichtet.  Diese Vorfälle führen zu einer Verschlechterung  des Zustandes)

„Die Müdigkeit kommt wieder. Ich bin allerdings auch ständig nur auf Tour. Ich habe das Gefühl. ich habe einfach keine Zeit, einmal nichts zu machen.  Ich bin oft abends lange weg. Sobald ich mich hinsetze, fällt mir ein, das der Haushalt aussieht, als ob eine Bombe eingeschlagen wäre und dann muss ich natürlich aufräumen. Wenn ich mich hinsetze

und will etwas lesen, fallen mir die Augen zu.

Ich habe das Gefühl, oft „überfressen“ zu sein, ich esse vier Toastbrote. Der Bauch ist wieder aufgetrieben. Ich habe so eine Mattigkeit im Kopf, so eine Überlastung, als ob alles

auf mich einstürzt, so etwas wie benebelt. Die Klarheit fehlt, als ob der

Kopf voll wäre.

Ich gehe regelmäßig zur Meditation, aber es fehlt die Zeit mich einfach mal hinzusetzen und nichts zu machen.

(Sie sind immer nur unterwegs?)

Das Beste ist, dass ich mir gar nichts vornehme. Wenn jemand bei mir anruft, sage ich, dass ich gar keine Zeit habe. Aber real mache ich nichts mit dem Kind, besuche keine Veranstaltung aber ich bin immer „on the road“, ich bin immer getrieben. Aber sobald ich mich hinsetze, dann geht nichts mehr.

(Eigentlich eine fruchtlose Aktivität?)

Ich versuche schon gar nicht mehr die Wohnung in Ordnung zu bekommen.

Ich sehe einfach nicht mehr das Ergebnis vom dem was ich tue. Ich falle voll aus der Mitte. Ich habe zwei Halbtagsstellen, die ich an einem halben Tag erledigen soll.  Ich bekomme nur zu hören, dass ich das machen muss, weil kein Personal da ist. Aber ich schaffe es dann doch. Ich bin ständig unterwegs. Ich erledige alles mögliche, auch zu Fuß.

Meine Tochter ist ständig krank, sie muss ständig zu Terminen.

(Noch das Gefühl von Gefahr?)

Nein, das ist besser geworden. Ich habe zur Zeit aber ein ziemliches Emotionschaos (durch eine zweite Liebesbeziehung).

(Sie brauchen zusätzlich Liebe und Zuwendung?)

Ich wollte schon als Kind immer ins Krankenhaus, weil ich dachte, dass sich da jemand um mich kümmert. Ich war immer total vernachlässigt, meine Mutter total überfordert. Ich musste mich als Kind rücksichtsvoll verhalten, damit es meiner Mutter nicht zu schlecht ging. Der Vater war gegangen, weil sie schwanger war mit mir. Ich habe von wildfremden Leuten immer mehr Zuwendung bekommen, als von meiner Familie. Auch in der Pubertät habe ich bemerkt, dass ich den Jungs gut gefalle. Ich habe mir da die Zuwendung und Liebe geholt. Ich habe gelernt, mir von „außen“ was zu holen, was mir „innen“ niemand geben

kann. Aber es erschreckt mich, dass ich in diesem Punkt so großen Vertrauen habe zu Fremden, ich bin noch nie reingefallen.

Ich habe mich nie gefürchtet vor Männern, hätte auch sexuellen Kontakt aufgenommen, ohne sie genau zu kennen. Ich wurde zu Hause nur beschimpft und sie haben gesagt: „Du bist verrückt.“

Nach ein paar Jahren ist das immer so, dass ich den Partner nicht mehr so recht will. Ich brauche dann etwas anderes, komme emotional nicht mehr in die Tiefe. Ich habe Verlangen nach Änderung. Die Erotik lässt halt auch nach, ich will dann nicht mehr. So blöd, wie das ist, aber ich bräuchte etwas Neues. Ich sehe mich dann nach jungen, feinen Burschen um.

Es immer dieser Reiz, suche junge Männer mit langen Haaren. Mich interessiert die Schönheit. Ich suche mein Spiegelbild, sehe ja auch fast wie ein Junge aus. Meine Art ist auch kumpelhaft, bin nicht so zickig. Ich fühle mich auch so, wie gerade der Pubertät entsprungen.

(Muss wandern, immer unterwegs, Kola ist in seiner Träumen immer nur unterwegs und auf Reisen und erzeugte den Zustand von Hyperaktivität in der Prüfung.)

(Wie geht es mit Übelkeit und Durchfall?)

Das ist in Ordnung, auch die Übelkeitsattacken in der Nacht sind weg.

(Konzentrationsfähigkeit?)

Das ist springend. Ich merke immer wieder, dass ich mit den Gedanken

abschweife.

(Fühlen Sie sich noch verfolgt?)

Nein, das ist besser.

(Träume?)

Gar keine Verfolgungsträume mehr. Das ist nicht mehr. Keine Träume von Kriegern und abgeschlagenen Köpfen.

Beurteilung: Störung der Mittelwirkung durch nicht homöopathische Behandlung,

Verschlechterung aus diesem Grund.

Das Gefühl immer unterwegs zu sein, immer „on the road“, die Unzufriedenheit, die den Wechsel fordert, ist charakteristisch für Kola. In den Träumen der Prüfung spielt Bewegung, „immer unterwegs“, Fahren, Klettern, Fliegen,  Reisen  und  Laufen eine zentrale Rolle. Da die

Q 6 schon seit geraumer Zeit verwendet wird, erscheint es mir angebracht die Potenz zu erhöhen.

Verordnung: Kola Q 12 Dil., 1x täglich Dilution 1.

Verlauf: Durch die höhere Potenz und die tägliche Einnahme kommt das Mittel sofort wieder in Wirkung und bringt der Patientin eine deutliche Besserung aller Beschwerden. Keine Essstörung oder Übelkeit. Mehr Energie und weniger Unruhe.

Sie kann die Zusatz-Beziehung aufgeben und findet zum Vater ihrer Tochter zurück. Keine Vergiftungsideen, sie lacht heute darüber, wenn ich sie darauf anspreche.

Keine Träume von Verfolgung, Mord oder Dämonen.

Das Mittel kann nach kurzer Zeit in der Gabenhäufigkeit reduziert werden auf zweimal in der Woche. Es wird auch vergessen ohne Verschlechterung des Zustandes. Kola wird im August 1998 abgesetzt, weil keine Krankheitszeichen verblieben sind, die eine weitere Einnahme rechtfertigen. Nach dem Absetzen kein Rückfall. Eindeutige Besserung des Zustandes in der Behandlungszeit vom August 97 bis August 98 und danach weiterbestehend. In der Rubrik: Gemüt; WAHNIDEEN; vergiftet; würde, dass er: rhus-t., hyos., kali-br., kola.1184, plb. habe ich Kola einwertig nachgetragen.

Bernd Schuster, Oraniensteinerstr. 50 c, 65582 Diez

 

#5

Sich selbst in den Schlaf wiegen...

Bericht einer kindlichen Schlafstörung.

 

Stefan und Stefanie sind Zwillinge.

Sie wurden 1983 geboren. Erst sie, kurz darauf er.

Beide Kinder waren Frühgeburten (32.Woche), Stefanie wog nur zweieinhalb Pfund, Stefan (um den es hier geht) wog knapp fünf Pfund, kam aber in Steißlage auf die Welt und litt unter Blausucht und Gelbsucht. Beide Kinder kamen auf eine Frühgeborenen-Station und wurden nicht gestillt. Stefans Finger- und Fußnägel waren noch Wochen später blau.

Der Vater der Kinder hatte Polio. Ein Bein ist kürzer und unterentwickelt.

Der sieht die ganze Nacht ohne Pause Fernsehen (im Schlafzimmer), schläft dabei ein, wacht aber sofort auf, wenn das Gerät abgeschaltet wird.

Die Mutter ist ein sogenanntes „Besatzungskind“, der Vater war dunkelhäutig. Als sie neun Jahre alt war, starb ihre Mutter an einer Gehirnblutung mit 38 Jahren. Sie wurde von einem Verwandten großgezogen, der selbst elf Kinder hatte und war das 12. Rad am Wagen.

Was dieses Kind an seelischen Leiden und Diskriminierung durchzustehen hatte, besonders auch infolge des negroiden Aussehens, kann man nur ahnen.

Heute hat die Mutter von Stefan ein „Alkoholproblem“, ist Kettenraucherin, hat teilweise drei Zigaretten gleichzeitig brennen, trinkt Mengen von Kaffee.

Sie hat selbst vier Kinder.

Sie hat oft Antibiotika bekommen, hatte seit sechs Jahren kein Fieber mehr (bei eigentlich fieberhaften Erkrankungen), hatte drei Ausschabungen, ist sterilisiert.

Sie war voller Warzen, „die ein Arzt wegmachte“. Hat sich dunkle Hautflecken wegschneiden lassen. Daneben bestehen noch Migräne, Allergien, große Geruchsempfindlichkeit gegen Schweiß.

Hatte früher Hepatitis. Sie ist mit den Kindern, der Berufstätigkeit und dem behinderten Mann völlig überlastet.

 

Anamnese von Stefan (10 Jahre) 9/93 in Anwesenheit der Mutter.

Stefan hat extreme Schlafstörungen, er schläft höchstens drei Stunden pro Nacht.

Diese Störung des Schlafes besteht praktisch schon immer.

Dem Kind werden seit Jahren alkoholhaltige „Schlafsäfte“, wie Euvegal Saft N® (Inhaltsstoffe: Baldrian, Hopfen, 28 Vol % Alkohol) verschrieben, ohne jede Änderung des Zustandes.

Das linke Auge von Stefan „rutscht weg“, das heißt, der schielt nach außen, vor allem dann, wenn er müde ist.  Er trägt eine Brille zur Korrektur, seine Schwester trägt ebenfalls eine Brille.

In der Schule ist er sehr unruhig, kann sich nicht konzentrieren, weint bei jeder Kleinigkeit, wird zornig. Beide Kinder sind Legastheniker. Sie verwechseln die Buchstaben d und b, und g und k. Macht extreme Schreibfehler.

Stefan kann im Bett sofort einschlafen, doch nach zwei bis drei Stunden erwacht er, setzt er sich auf und „schaukelt“, das heißt, er beugt den Oberkörper nach vorne und dann wieder nach hinten in ständigem Wechsel, stundenlang, eine Bewegung, die man als „Hospitalismus“ bei reizdeprivierten Heimkindern kennt.

Er schaukelt sich selbst. Er schaukelt im Schlaf, merkt es selbst nicht. Stefan ist morgens total zerschlagen, kann nicht aus dem Bett, ist völlig verschlafen.

Keine Träume. Hört keinen Wecker. Morgens zwischen sechs und sieben Uhr hat er den besten Schlaf, aber da muss er aufstehen.

Man muss ihm alles sagen. „Stehe jetzt auf!, putz Deine Zähne!, wasche Dein Gesicht!, kämme Dir die Haare!“ u.s.w. Dann wird Stefan böse und schreit: “Ich mache doch!!!“ Er ist zu nichts fähig morgens. Übellaunig.

Bei einem Urlaub am Meer konnte er schlafen.

Wirft Dinge gegen die Wand, wenn ihm etwas misslingt.

Die Mutter hat noch einen anderen Sohn, der damals 21 Jahre alt ist, (von einem anderen Vater), der auch „schaukelt“, allerdings um die Längsachse; er schaukelt mit den Armen über dem Kopf von rechts nach links, im Liegen.

Stefan hat dauernd Hunger, „aber nicht auf das Richtige“, isst nie Gemüse oder Salat, kein Obst, selten eine Banane oder einen Apfel, der aber geschält werden muss.

Starkes Verlagen nach Süßem. Sehr wählerisch beim Essen. Würde nie die Reste seiner Schwester essen, auch wenn es sein Lieblingsessen wäre, würde nicht aus einem benutzten Glas trinken.

Oft stechende Kopfschmerzen in den Schläfen, von innen nach außen, möglicherweise auch durch die Augenfehlstellung bedingt.

Möchte dann auf dem Rücken liegen, mit offenen Augen.

Kopfschmerzen nach Anstrengung und Sport, auch bei geistiger Anstrengung.

Fix und fertig, wenn der aus der Schule kommt, kann aber nicht schlafen, kommt nicht zur Ruhe.

Es wurde eine Appendektomie durchgeführt. Mag keine Gürtel am Bauch.

Trägt eine Zahnspange, mit der er sehr sorgfältig und genau umgeht. Es fehlt die Anlage für die normale Anzahl von Zähnen im Kiefer. Stefan hat zwei übergroße Schneidezähne. Die Zähne brechen im Gaumen durch, nicht im Kiefer, liegen schief.

Hat leicht Durchfall nach Fruchtsaft.

Juckreiz an den Armen.

Wenn man Stefan schimpft, oder ihm „die Meinung sagt“, dass es ihm zu Herzen geht, „marschiert er sofort in Bett“. Zieht die Decke über den Kopf, will dann nichts hören und sehen.

Sehr leicht beleidigt, todtraurig. Kann gar nicht Vorwürfe ertragen, besonders wenn er sie selbst für berechtigt hält. Tadel macht in krank, ist völlig geknickt.

Hat zwei Hasen, um die er sich sehr kümmert. „Ich bin ein richtiger Hasenvater“.

Fragt immer, ob die Hasen Futter bekommen haben.

Übernimmt auch Verantwortung für seine Zwillingsschwester, sie geht ihm über alles. Beschützt sie in der Schule. Wenn Stefanie krank ist „ bringt er sich bald um“. Macht sich große Sorgen, ob sie wieder gesund wird.

Sehr starkes Gefühl für Rhythmus, tanzt alleine bei Musik.

Mag gerne Gewitter ansehen. „Es ist toll, wenn es blitzt und donnert.“

Repertorisation im Complete Repertory

Sleep; SLEEPLESSNESS; children, in*** (Schlaflosigkeit bei Kindern)

Sleep; SLEEPLESSNESS; children, in; rocked, child must be** (Schlaflosigkeit bei Kindern, müssen gewiegt werden.Carc, Cina,Stict. )

Mind; MISTAKES; writing, in* (Macht Schreibfehler)

Mind; RHYTHM, marked sense of* (Gefühl, ausgesprochenes, für Rhytmus.)

Generalities; AIR; seashore; amel.** (Seeküste bessert.)

Mind; CONSCIENTIOUS about trifles •*(Peinlich in Kleinigkeiten)

Head Pain; LOCALIZATION; Temples* (Kopfschmerz in den Schläfen.)

Mind; THUNDERSTORM; loves to watch* (Mag gerne bei  Gewitter

zuschauen.)

Mind; SENSITIVE, oversensitive; reprimands, to** (Überempfindlich

gegen Vorwürfe oder Tadel.)

Der Schlüssel zu diesem Fall war für mich das Auffinden der Rubrik: „Schlaflosigkeit bei Kindern, müssen geschaukelt oder gewiegt werden“, die ich vorher noch nicht kannte. Als ich diese Rubrik gefunden hatte, fiel es mir wie „Schuppen von den Augen“, alles passte plötzlich zusammen.

Ich verstand, warum das Kind gerade diese Bewegung machte und keine andere, dass es hier um eine emotionale Ersatzhandlung ging, dass dieses Schaukeln Ausdruck einer Carcinosinum-Problematik war.

Mit den deutschen Künzli-Kent wäre der Fall nicht zu repertorisieren gewesen, wahrscheinlich das Mittel auch nicht zu erkennen gewesen, zumindest damals.

Verordnung: Carcinosinum C 200 (DHU) , in einem halben Glas Wasser aufgelöst, fünf Fraktionen.

 

Verlauf

Anruf 8.10.93

Schon in der ersten Nacht besser!

Kann besser schlafen, Schaukeln hat fast völlig aufgehört.

Ist morgens viel ausgeruhter und besser gelaunt.

Keine Verordnung

Follow up am 15.12.93

Stefan hat seit der ersten Gabe von Carcinosinum geschlafen.

Seit zehn Tagen zeigt sich wieder eine leichte Tendenz zum Schaukeln nachts. Die erste Gabe hatte eine Wirkungsdauer von etwas mehr als zwei Monaten. Die schulischen Leistungen sind viel besser.

Schreibfehler passieren zwar immer noch, aber nicht mehr so massiv und auch nicht in der selben Art wie früher. Hat neulich sogar eine 3 geschrieben!

Familie zieht um in eine ruhigere Gegend.

Stefan ist morgens zu wecken und ist dann fit.

Keine Kopfschmerzen mehr.

Mag nach wie vor keine Gürtel am Bauch.

Tanzt und singt, ist fröhlich (singt vor).

Nicht mehr so empfindlich gegen Vorwürfe (die auch seltener nötig sind!), kommt der Mutter viel ausgeglichener vor. Schlichtet Streit.

Verordnung: Carcinosinum C 200 (DHU), drei Fraktionen in Wasser.

Es wurde kein Wiedervorstellungstermin ausgemacht, die Mutter sollte sich bei mir melden, falls eine erneute Verschlechterung dies nötig machte, was aber bisher offenbar nicht der Fall ist.

Analyse

Dieser Fall stand zur Lösung an, bevor das Heft II/93 der Homöopathie Zeitschrift erschien, in dem Carcinosinum ausführlich abgehandelt wird.

Mir war noch nicht die Interpretation von Jeremy Sherr bekannt, der die Idee des Mittels in einer Unterdrückung der Individualisierung des Einzelnen sieht.

Diese Idee ist von der Beobachtung abgeleitet, daß Karzinomzellen ebenfalls nicht Individuen sind, sondern ein Kollektiv von Gleichen, eine Monokultur sozusagen. Diese mangelnde Unterschiedlichkeit geht mit einer mangelhaften Unterscheidungsfähigkeit des krebskranken Körpers zwischen gesunden und krebsigen Zellen einher.

So entsteht die Pathologie des Carcinosinum-Kranken auch aus einer mangelhaften Möglichkeit (oder Fähigkeit?) zur Individualisierung durch Unterdrückung der Selbstwerdung. Diese Selbstwerdung kann gestört werden zum Beispiel durch sexuellen Missbrauch, gewalttätige Beherrschung durch Andere, durch langdauernden, ungelösten Kummer,  durch Schock, Schreck und/oder eine niederdrückende Familiensituation ohne Entfaltungsmöglichkeit.

Die alptraumhafte Jugend der Mutter von Stefan, eine deutliche psorische (Kinderlähmung des Vaters), sycotische (Warzen überall, drei Ausschabungen, Allergien, übertriebenes Rauchen) und syphilitische Belastung (Alkoholabhängigkeit u.a.) sind für den Start ins Leben keine gute Voraussetzung.

Carcinosinum passt perfekt von seiner miasmatischen Struktur her, da es genau wie Tuberkulinum zwischen Sycosis und Syphilis steht.

Schon im Uterus beginnt Stefans Problem mit der Individualisierung, denn er war

nicht alleine, da war noch seine Schwester, die Platz haben wollte. Die Schwester war zwar nur halb so schwer, gewann aber den Kampf um richtige Geburtslage und erstritt sich den Vortritt.

Stefan Eintritt ins Leben war auch ein Alptraum: halb erstickt durch die Steißlage, mit Gelbsucht, fern der Mutter, nicht gestillt, nur professionelle Zuwendung. „Die schlimmste Art der Unterdrückung ist der Mangel an Liebe in der Kindheit“ (J. Sherr)

Das Entwickeln einer eigenen Persönlichkeit ist bei Zwillingen ohnehin schwerer als bei Einzelkindern, in diesen Fall wurden Bruder und Schwester auch noch gleich genannt: Stefan und Stefanie.

Das tiefe Verlangen nach Harmonie, Liebe und Zärtlichkeit, verbunden mit großer Verletzlichkeit und der Absicht „bloß nichts falsch zu machen“ ist bei Carc.-Kindern fast immer da.

Stefan setzte das entgangene Schaukeln auf den Armen der Mutter am Anfang seines Lebens später durch ein „Selbstschaukeln“ nachts im Schlaf.

Das normale, ruhige und erholsame Schlafen nach der Gabe von Carcinosinum zeigt, dass auch frühkindliche traumatische Erlebnisse homöopathisch heilbar sind.

 

Bernd Schuster, Oraniensteinerstr. 50c 65582 Diez

#6
Depression nach der Geburt

Frau B., 1965 geboren, kam 1991 erstmals in meine Behandlung mit Globusgefühl, Erstickungsangst, rezidivierenden Halsentzündungen und großer Empfindlichkeit gegen jeden Kleiderdruck. Sie bekam eine Dosis Lachesis C 1000 (DHU).

Ihre Beschwerden verschwanden.

Ich sah sie erst 1995 wieder, schwanger in der 22. Woche mit ihrem ersten Kind.

Sie klagte über lautes Herzklopfen, Krampfschmerz und Stechen am Herzen mit Schmerzen im linken Arm. Es bestand große Eifersucht gegenüber dem Ehemann.

Sie konnte nicht auf der linken Seite liegen.

Verordnung: Lachesis C 200 (DHU), was sofort alle Beschwerden besserte.

Dann kam sie am 15.8.95, zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes, (ein Mädchen) wieder in die Praxis. Die schwere und langwierige Geburt, begleitet von Durchfall und Erbrechen, ein großer Dammschnitt mit Hämatom und die Belastung mit dem neugeborenen Kind hatten sie völlig verändert.

„Nie mehr!!“ wollte sie so etwas noch einmal erleben, sagte sie wiederholt.

Sie hat 5 kg an Gewicht verloren, ist sehr unruhig und schwach, „als hätte ich keinen Tropfen Blut mehr in mir“. Sie fühlt, dass das Stillen die Schwäche vergrößert und nimmt deshalb seit gestern ein Abstillmittel.

„Ich habe ein furchtbares Gefühl bei Stillen, es ist mir dann so, wie beim Tode meiner Mutter. Ich muss ständig weinen beim Stillen. Ich kann und will nicht mehr Stillen, ich fühle mich leer, elend und depressiv, wie leergesogen. Ich bin kein Typ, der lange Stillen kann“.

Frau B. fühlt sich völlig überfordert, regelrecht verfolgt vom schreienden Säugling.

Sie liegt den ganzen Tag im Bett und kann nicht den Haushalt versorgen, ihr Mann musste von der Arbeit zu Hause bleiben, dann musste die Schwiegermutter einziehen um ihr Unterstützung zu geben. (Stützt wiederholt den Kopf stark auf.)

„Ich kann das nicht schaffen. Ich kann nicht allein bleiben, ich rufe ständig meine Zwillingsschwester an, sie soll kommen. Ich habe Angst, wenn ich ganz allein für das Kind zuständig bin. Ich habe mir die Beziehung zu dem Kind inniger vorgestellt. Ich brauche Jemand der mir hilft. Ich habe einen Drang nach meiner alten Familie, ich habe Heimweh
(weint). Ich habe nur einen Gedanken: das Kind! Es sitzt mir ständig im Nacken, will ständig etwas Anderes!“

Rubriken:
Gemüt; ABNEIGUNG, Stillen. gegen das (!) 2bamb-a.1184 (klinisch,1184 Nachtag Schuster)
GENERALITIES; PARTURITION; after(!): 2bamb-a.1184, kali-c.12
Gemüt; ÜBERFORDERT, Gefühl als ob(!): 2bamb-a.1184
Gemüt; HILFLOSIGKEIT, Gefühl der; Unterstützung, sucht(!): 2bamb-a.1184
Kopf; STÜTZT DEN KOPF(!): 2bamb-a.1184 (klinisch)

Verordnung: Bambus Q 6 Dil. 1 (Enzian Apotheke, München)

Verlauf: Wiedervorstellung am 15.9.95

Sie kommt diesmal mit dem Kind, mit dem sie in Gesprächspausen lacht. Die ganze Situation ist sehr gebessert. Sie kann viel besser mit dem Kind umgehen. Das Gefühl von Leere und Depression ist gewichen. Sie kommt auch ohne Hilfe zurecht, hat an Kraft und Leistungsfähigkeit gewonnen. Sie hat 3 kg zugenommen. Teilweise im Unterbauch das Gefühl, als wollte die Periode kommen. Leichte Magenbeschwerden in den letzten Tagen.
Teilweise verspannter Nacken.

Verordnung: Bambus Q 6 wird weitergegeben, alle zwei Tage, eine
Gabe Dil.1.

Ich habe die Patientin seither (1.8.96) nicht mehr gesehen, weiß aber, (von anderen Frauen, die sie zur Behandlung geschickt hat) dass sie wohlauf ist.

Ich habe in verschiedenen Fällen die Beobachtung gemacht, dass die Zeit nach einer Geburt eine Bambus-Krankheit leicht entstehen lässt. Dies wurde mir auch von Kollegen bestätigt, die schon mit Bambus geheilte Fälle haben. Die Zeit nach einer Geburt ist immer eine Zeit hoher Anforderungen an die Mutter und die ganze Familie. Es findet eine totale Umstellung des Lebens statt, die einher geht mit Schlafmangel, ständiger Bereitschaft, Stillen, Sorgen wegen Krankheiten des Kindes. Dazu kommt noch oft zusätzliche Berufsbelastung und Arbeit für die
restliche Familie.

Es ist eine Zeit, in der die Mutter oft überfordert ist, oder sich so fühlt.

Dieses Gefühl der Überforderung und Anspannung, oft verbunden mit der delusion „es nicht zu schaffen“ und der daraus folgenden Suche nach Hilfe und Unterstützung ist die zentrale Idee des Bambus auf der Gemütsebene. Bambus selbst wird ja oft als Stütze, Gerüst oder Stabilisierung verwendet. Bambus ist hart, zäh, unverwüstlich, festverwurzelt, Schutz und Sicherheit vor Taifun und Erdbeben gebend. Dies sind Eigenschaften, die auch die homöopathische Arznei in sich trägt und so der Mutter hilft und sie stabilisiert.

Die Bambussprosse ist ja selbst ein „Pflanzenembryo“, und befindet sich im Zustand des Geborenwerdens. Es besteht somit eine große Ähnlichkeit zur Lebenszeit nach einer Geburt. Während der Schwangerschaft habe ich Angstzustände mit dem Thema des Versagens beobachtet.

In einigen Fällen hat sich Bambus auch als Sepia-Vergleichsmittel gezeigt. Bemerkungen wie „Ich hänge mir doch kein Kind an die Brust!“ und gespanntes, gereiztes Verhalten gegenüber den eigenen Kindern („Diese Schreihälse!“)sind zu beobachten. Schwangerschaft ohne eigenen Kinderwunsch, quasi um einen Erben zu erzeugen, scheint auch eine Bambussymptomatik zu erzeugen.

Abneigung gegen das Stillen ist ein Teil davon. Die Ambivalenz, das „Komm-her-geh-weg“ der Sepia fehlt bei Bambus, soweit ich das bisher verstehe.

Bambus wurde u.a. bei folgenden Beschwerden erfolgreich eingesetzt:

Prämenstruelles Syndrom, Rückenschmerzen, Tortikollis, Bandscheibenprolaps chronisch, Gliederschmerzen (besonders Hände und Füße), Ischialgien, hypermobile Wirbelsäule, PCP, Migräne, Depression im Kindbett, Blutung während des Stillens (zwei Monate anhaltend), Verhärtung der Brüste, Mastitis beim Stillen, Knoten in der Mamma, Schmerzen bei der Menstruation, unterdrückte Menses, Diarrhoe bei den Menses, chronisches Unwohlsein bei den Menses, Erbrechen und Übelkeit, Heuschnupfen, Haarausfall bei Frauen, Neurodermitis, Wechseljahrbeschwerden mit Hitzewallungen und Schweißausbrüchen, seelische „Verspannung“, Überlastungssyndrom, Spaltungsgefühl.

Bei Männern zeigt sich neben Rückenbeschwerden und Gliederschmerzen auch eine Beziehung zu Nux-vomica. Symptome wie geschäftliche Überlastung, Stress, Überreiztheit sind bei beiden Mittel vorhanden, geht man aber in die Details, sieht man auch Bambus.

Zur Zeit habe ich gerade den ersten Kinderfall mit Bambus, da Bambussprossen auch in einem kindlichen Stadium sind, sollte dies auch ein „Kindermittel“ sein.

Es handelt sich bei Bambus nicht um irgendein kleines, neues Mittel, sondern um die Entdeckung eines Polychrestes, das häufig in der Praxis gebraucht wird.

Es liegen in meiner Praxis seit Ende 1994 ca. 100 Fälle vor, in denen Bambus ausgezeichnete Wirkung hatte. Bambus ist leicht zu verwechseln mit großen Mitteln wie Silicea, Calcium-carbonicum, Sepia, Phosphorus und Lachesis. Der miasmatische Charakter ist sykotisch-tuberkulös.

Bernd Schuster D-65582 Diez. Fax: 06432/5444
Apotheke: Enzian-Apotheke, D-81247 München, Verdistr. 54, Fax 089/816359


# 7
Nächtliche Angstzustände

Ereignisse, die kurz vor, während und nach der Geburt eines Kindes stattfinden, machen einen tiefen Eindruck auf die Lebenskraft des Neugeborenen. Diesen Zusammenhang finde ich immer wieder in der Praxis bestätigt, und möchte den folgenden Fall als Beispiel bringen.

Benjamin, ein sehr stiller, introvertierter, zwölfjähriger Junge kommt im Juni 1996 zur Erstanamnese. In Begleitung seiner Mutter berichtet er von seinen Beschwerden, wie eine verstopfte Nase und ein Brennen auf der Rückenhaut, das sich anfühlt wie ein Sonnenbrand, und sich besonders beim Liegen auf dem Rücken zeigt. Blickkontakt zu mir vermeidet er, oft blickt er vor Antworten hilfesuchend zur Mutter. Er wirkt sehr gehemmt und unsicher. Meist sieht er unter sich, piddelt an seinem Hemdkragen oder im Gesicht herum. Er geht wenig zu Freunden und sitzt viel vor dem Computer oder dem Fernseher. Seine beiden älteren Brüder haben ähnliche Charakterzüge.

Aus der Vorgeschichte ist eine Entfernung der Nasenpolypen zu nennen. Benjamin neigt dazu, den Mund offen zu halten.

Gelegentlich hat er Stiche in der Brust. Es besteht ein Fußpilz.

Sein Schlaf ist allgemein schlecht, er erwacht oft. Der Junge klagt öfter über „Bauchweh“ unklarer Herkunft und neigt zu Erkältungen.

Er zögert lange bis er von seinem Hauptproblem, den nächtlichen Angstzuständen berichtet. Etwa einmal im Monat erwacht er nachts mit furchtbarer Angst. Er kauert sich dann ganz zusammen, weint vor sich hin oder wimmert leise. Teilweise spricht er in abhackten Sätzen: „Was machst Du? Es ist alles so schnell!“

Alles, was er sieht ist stark vergrößert und alle Personen in seiner Umgebung bewegen sich extrem beschleunigt. Besonders ein Schrank und eine Tür erscheinen viel größer als real. Er steht in dieser Vision vor einer riesig vergrößerten Tür und ist selbst winzig klein. „Ich bin nur so groß wie ein Spielzeugauto, stehe vor der riesigen Tür. Die Tür ist verschlossen, ich weiß nicht, wo sie hinführt.“ Das Kind zittert vor Angst.

Benjamin ist in diesem Zustand, der etwa fünf Minuten andauert, kaum ansprechbar, Worte dringen nicht bis zu ihm durch. Die Mutter kann ihn in den Arm nehmen und streicheln, was ein wenig hilft. Obwohl dieser Zustand nur wenige Minuten andauert, kommt ihm die Zeit wie eine Ewigkeit vor. Diese Zustände kommen im Zusammenhang mit Infekten vor, hängen aber nicht mit Fieber zusammen. Nach solch einem Angstzustand redet Benjamin an nächsten Tag nicht darüber und möchte auch nicht drauf angesprochen werden.

Seine Schilderung „ich bin ganz klein, stehe vor einer großen Tür“ lässt mich die Frage nach den Umständen seiner Geburt stellen. Die Mutter berichtet von Schwierigkeiten in ihrer dritten Schwangerschaft. Wegen einer Bindegewebsschwäche musste ein Zerklage (Zervixumschlingung) in der 13. Schwangerschaftswoche gelegt werden. Ab der 27. Woche
wurden zusätzlich Wehenhemmer eingenommen. Ab der 30. Woche wurde Bettruhe und ein Wehenhemmer als Infusion verordnet. Dann kam es sechs Wochen vor dem Geburtstermin zu einer Beckenvenenthrombose, die zu einer Umstellung der Behandlung zwang. Während
bisher wehenhemmende Mittel gegeben wurden fand jetzt ein plötzlicher Wechsel zu wehenfördernden Arzneien statt.

Nach der Geburt, musste Benjamin zehn Tage in den Brutkasten, wurde künstlich beatmet und bekam zweimalig einen Pneumothorax. Er war 51 cm lang und fünfeinhalb Pfund schwer.

Die auffallenden und sonderlichen Symptome sind leicht zu sehen.

Im Repertorium findet sich die Vergrößerung der wahrgenommen Dinge unter „Wahnideen, Einbildungen; vergrößert; Gegenstände sind“ (Synthesis Seite 237). In dieser Rubrik ist Cannabis indica (cann-i.), Haschisch, dreiwertig. Die Wahrnehmungsstörung bezüglich der Geschwindigkeit von Bewegungen findet sich nicht im Repertorium. Man kann sich aber vorstellen, dass bei einer Veränderung der Zeitwahrnehmung sich auch die Geschwindigkeit von Bewegungen verändert. Die Stubenfliege zum Beispiel, ist deshalb so schwer zu erschlagen, weil sie die Bewegung der Hand, die auf sie zukommt, um das siebenfache verlangsamt sieht.

Im Repertorium findet sich eine Rubrik, die ganz genau das Gefühl des Kindes wiederspiegelt „Zeit; langsam, scheint länger; wenige Sekunden scheinen eine Ewigkeit zu sein“ (Synthesis Seite 250). In dieser Rubrik ist nur ein Mittel eingetragen, nämlich cann-i.

Auch in der Rubrik „Qualvolle Angst“ ist cann-i, dreiwertig, das Brennen der Haut und die Stiche in der Brust hat das Mittel ebenfalls in seinem Bild. Die Signatur der Krankheit, das Gefühl von Angst, Vergrößerung, Beschleunigung hat klaren Bezug zu der Situation des Kindes vor und während der Geburt. Er war eigentlich noch zu klein, da sechs Wochen
vor seinem Termin geboren und es ging zu schnell, wegen der Wehentreiber. Dieses Trauma hat das Kind in seinem Unterbewusstsein festgehalten. Nur während des Schlafes, der Zeit in der die Ich-Kontrolle wegfällt, kommt die damalige Angst wieder ins Bewusstsein. Bekannt ist von Drogenmitteln, wie Opium und Coffea, die Beziehung zu Schock und Schreck. Wahrscheinlich müssen noch weitere Drogenmittel, wie
Cannabis indica, hinzugefügt werden.

Auch Veränderung der Größenwahrnehmung ist für Drogenmittel typisch. Neben Cannabis indica haben Opium, Anhalonium, Kola und die Nachtschattengewächse Stramonium, Belladonna und Hyoscyamus dieses Symptom.

Verordnung; Cannabis indica K 200 (Homoeden, Gent).

Verabreichung in Wasserauflösung, drei Teelöffel.
Das Mittel war in Deutschland lange nicht zu bekommen, so dass ich eine Korsakow-Potenz aus Belgien benutzte.


Verlauf:

Benjamin hat bis heute keinen der Angstanfälle mehr gehabt. Er erscheint mir lebhafter. Seine erste Reaktion war großer Appetit und guter Schlaf. Auch das Brennen der Haut und die Stiche in der Brust verschwanden. Im Oktober 1996 wird mir Benjamin erneut vorgestellt, diesmal wegen Kopfschmerzen. Es zeigt sich ein typisches Belladonna-
Bild und ich gebe das Mittel in einer C 200. Allerdings habe ich bei dieser Verordnung ein inneres Dissonanzgefühl, denn die Heftigkeit und Plötzlichkeit der Belladonna will nicht mit dem sehr ruhigen, zurückhaltenden und leisen Kind übereinstimmen. Belladonna hilft gegen die Kopfschmerzen, sonst zeigt sich wenig Veränderung.

Im November 1996 sehe ich Benjamin wieder.

Er klagt erneut über drückendes Stirnkopfweh, teilweise bemerkt er auch einen schießenden Schmerz, der sich durch Liegen bessert. Oft hat er gleichzeitiger eine Steifigkeit der Hals- und Nackenregion, schlimmer abends. Er ist wie immer sehr blaß, fast weiß, im Gesicht. Benjamin ist sehr zurückhaltend, antwortet verzögert, sehr langsam,
nach endlosem Überlegen. Oft kommt als Antwort: „Ich weiß nicht“, oder: „Ist doch egal.“

Ich beobachte unfreiwilliges Augenrollen, die Pupillen sind sehr unruhig, wandern scheinbar ziellos hin- und her. Der Mund ist immer noch offen. Er sitzt einfach ganz still auf seinem Stuhl, wie als wäre er gar nicht anwesend, als wäre er in Gedanken versunken, aber nicht am aktuellen Ort, sondern an einem Ort, den nur er kennt.

Keine nächtlichen Angstzustände mehr.

Repertorisation

Kopfschmerz; DRÜCKEND; Stirn
Kopfschmerz; STECHEND
Rücken; STEIFHEIT; Zervikalregion
Gemüt; ZURÜCKHALTEND, reserviert
Gesicht; FARBE; blass
Auge; BEWEGUNG der Augäpfel; Augenrollen
Gesicht; OFFENER Mund
Gemüt; ANTWORTET; langsam
Gemüt; GEDANKEN versunken, in
Gemüt; SITZT; still

Nur ein Mittel ist in allen Rubriken vertreten und deckt auch in wunderbarer Weise, die Idee und Signatur ab: Helleborus niger, die Christrose.

Verordnung: Helleborus niger LM 6 (Arcana), Dil 1, das heißt, einen Tropfen auf 100 ccm Wasser, davon einen Teelöffel täglich.

Im Synthesis auf Seite 156 gibt es eine Rubrik „Sonderling“, auch hier ist Helleborus eingetragen. Die Christrose ist sozusagen auch ein Sonderling. In Frühling und Sommer, wenn andere Pflanzen blühen und ein reger, geselliger Verkehr mit Insekten herrscht, ist die Christrose ein schmuckloser grüner Busch, den man leicht übersieht. Helleborus blüht im Winter, um die Weihnachtszeit. Die weiße Blüte ist wegen des fehlendes Kontrastes zum Schnee kaum zu sehen, man übersieht die Pflanze auch im Winter. Die Blütezeit zu Weihnachten, zum Geburtstermin Christi also, hat eine Beziehung zu Zeitpunkt und Ursache des Beginns der Beschwerden von Benjamin, der Geburt.

Die Unauffälligkeit, Zurückgezogenheit, Introvertiertheit und Blässe des Jungen zeigen sich auch bei der Christrose. Helleborus gehört zu den Hahnenfußgewächsen, zu denen auch bekannt „zurückhaltende“ Mittel wie Pulsatilla und Staphisagria gehören.

Helleborus genoss bereits im Altertum großes Ansehen gegen alle Arten von Geisteskrankheiten und Fallsucht. Einen begeisterten Befürworter hatte die Pflanze in PARACELSUS, als Vorbeugungsmittel gegen die Beschwerden und Krankheiten des Alters gefunden, wobei er offensichtlich die Dumpfheit und Verlangsamung der Wahrnehmung im Alter behandeln wollte.

Im alten Rom gab es eine bekannte Redewendung, die man benutzte um auszudrücken, dass jemand sonderlich, merkwürdig oder neurotisch war: „Hellobro opus habet“, oder: „Dies ist eine Arbeit für Helleborus.“

Weiterer Verlauf

Im folgenden Jahr zeigt sich eine wesentliche Stabilisierung. Benjamin ist weniger infektionsanfällig, hat kaum Kopfweh oder Bauchweh. Bei allen akuten Beschwerden hilft Helleborus, egal um was es sich handelt. Angstzustände gab es nicht mehr. Er macht weniger Rechtschreibfehler und Deutsch wird deshalb, neben Mathematik, sein zweites Lieblingsfach. Einmal hatte er einen Alptraum und wachte verwirrt auf. Auch hier half Helleborus. Benjamin ist immer noch ein stilles Kind, obwohl die Mutter meint, er sei offener geworden.

Bernd Schuster, 65582 Diez


#8
Eine vollkommene Heilung
(Heilung meines Dackels von einem Knochensplitter im Kehlkopf)


Ich schicke vorweg, dass dies eine meiner schönsten Heilungen ist, die ich bisher erreichen konnte, sie ist umso schöner für mich, da sie unseren Rauhaar-Dackel „Howie“ betrifft, der in ernster Gefahr war, sein Leben zu verlieren. Ich konnte jeden Schritt der Besserung und Heilung täglich verfolgen.

Howie oder „Schnaggeli“, wie er gerufen wird, ist ein Ausbund an Lebensfreude; ein leidenschaftlicher Jäger von Katzen, Vögeln, Bienen und Mäusen.

Er liebt lange Spaziergänge im Grünen, alles was nach Bauernhof riecht oder aussieht, langes Schlafen, wenn es regnet, Duftmarken von „heißen Damen“,

Verbellen ihm verdächtiger Personen und er ist begeistert, wenn sein ganzes „Rudel“ zusammen ist. Angst hat er vor lärmenden Kindergruppen, vor Gewitter oder Silvester-Schießerei. Abneigung hat er gegen eintöniges Fressen (frisst nie zwei Tage hintereinander das Gleiche), Hitze im Auto, Liebesbekundigungen von Fremden, die ihn streicheln wollen und gegen andere Rüden.

Eigentlich ist Howie ganz gesund mit Ausnahme einer gelegentlichen Verdauungsschwäche, die sich durch Geräusche im Leib, Unruhe, Grasfressen, Inappetenz, Angst vor dem Allein-Sein, Spannung und Verhärtung des Leibes zeigt, aber prompt für Monate auf Lycopodium C 1000 weicht.


Am Abend des 18. Januar 1994 entdeckte meine Frau bei Howie eine Schwellung des Halses um den Kehlkopf, kaum zu fühlen, weich, wenig auffallend. Wir schenkten dieser Schwellung zunächst kaum Aufmerksamkeit. Leider war am nächsten Tag eine deutliche Steigerung der Schwellung zu bemerken, die jetzt härter war und auch optisch zu erkennen war. Howie war in seinem Verhalten unverändert, er fraß normal und war fröhlich.

Wir dachten zunächst an eine Schilddrüsenschwellung, obwohl die Geschwindigkeit der Verschlimmerung dagegen sprach.

Am 20.1. 94 war die Schwellung sehr viel schlimmer geworden, so dass wir mittags in eine Tierklinik zu diagnostischen Abklärung fuhren. Dort wurde Howie seitlich liegend geröntgt und es wurde eine Blutanalyse durchgeführt. Es zeigte sich eine Leukozytose, die mit 17400 hoch auffällig war und eine Entzündung anzeigte.

Das Röntgenbild zeigt eine ventrale Durchbiegung der Speiseröhre. Dies belegte, der von außen tastbare Tumor nur ein Teil der Symptomatik war- im Hals war ebenfalls ein harter Tumor, der den Oesophagus nach unten drückte in Sinne einer Raumforderung.

Die wahrscheinlichste Diagnose war eine Durchdringung der Speiseröhre, oder des Kehlkopfes selbst, durch einen spitzen Knochensplitter mit nachfolgender Entzündung, Infiltration und Ödembildung. Eine Operation wurde wegen der schwierigen Lage des Splitters ( der sich nicht auf dem Bild darstellte! ) als kaum möglich bezeichnet.

Einzige Maßnahme war die Injektion eines Antibiotikums, der ich widerstrebend zustimmte, da mir auch nichts Hieb- und Stichfestes einfiel bei dieser Diagnose.
Am nächsten Abend wurde die Situation kritisch. Der Tumor war weiter angeschwollen, steinhart, Howie war beeinträchtigt, apathisch, rang nach Luft. Es bestand die Gefahr, dass sich der„Bindegewebssack“, in dem sich das Infiltrat befand, über Nacht platzen könnte und Howie ersticken könnte.

Am Freitag den 21.1.94 war mir klar, dass nun nur noch eine homöopathische Intervention etwas bringen konnte, zumal die Antibiotikagaben bisher keine Wirkung hatte.

Ich muss zugeben, dass ich ohne große Hoffnung etwas tun zu können mich spät abends an den Computer setzte.

Was hatte ich den an sicheren Symptomen?

Zunächst die auffallende Härte des Tumors, und die Tatsache, dass wahrscheinlich eine Verletzung die Ursache war.

Im Complete Repertory fand ich zwei Rubriken:

Generalities; INDURATIONS; injury, after* (Verhärtung nach Verletzung)
Generalities; INDURATIONS; stony* (Verhärtung, steinhart)
In der ersten Rubrik nur ein Mittel, einwertig: Calc-f. (Nachtrag Phatak,S.R.)

in der zweiten Rubrik nur sieben Mittel, darunter einwertig wieder
Calc-f.) Nachtrag Phatak).

Zwei Rubriken mit jeweilig einwertiger Notierung sind nicht viel, aber ich hatte mit Calc-f. in LM 18 und 30 vor Jahren einen faustgroßen Knochentumor am Unterkiefer eines Pferdes verschwinden sehen und mir war bekannt, das Calc- f. erste Wahl ist bei knochenharten
Tumoren.

Die Verordnung stützt sich damit ausschließlich auf einwertige, nachgetragene Notierungen des Mittels, was bedeutet, dass diese Verordnung ohne das Complete Repertoy nicht möglich gewesen wäre.


Bestätigend sind die Rubriken :

Generalities; FOREIGN BODIES (Fremdkörper) in der Calc-f. unter 6 Mitteln ebenfalls einwertig dabei ist (Nachtrag Phatak), und:
Generalities; TUMORS, benign; hard, (gutartige, harte Tumoren) die auch nur zwei Mittel enthält, darunter Calc-f. einwertig (Nachtrag von Stephenson, J.), die ich allerdings erst später fand.

Ich gab Howie fünf Globuli Calcium fluoratum C 200 (DHU) auf die Zunge.

Verlauf:

Am nächsten Morgen war zu unseren großen Freude und Erleichterung (nach acht Stunden Wirkung!!) der Tumor um fast die Hälfte im Umfang geschrumpft und deutlich weicher.
Am zweiten Tag: erneute Schrumpfung um die Hälfte, kaum noch tastbar, noch leichtes, weiches Ödem, Howie war fast wieder in Ordnung.

In den beiden nächsten Tagen weiteres Abschwellen, es lässt sich am achten Tag, am Kehlkopf eine streichholzdicke, spitze, ca. 2 cm lange Verhärtung tasten, offenbar war dies der Knochensplitter den Howie im Kehlkopf stecken hatte.
Ich wiederholte die Gabe Calcium fluoratum C 200, weil sich in den letzten beiden Tagen nichts mehr verändert hatte, mir die Energie es Mittels verbraucht schien.

Nach weiteren drei Tagen bemerken wir eine Feuchtigkeit an Howies Hals. Es handelt sich um Eiter, der durch eine Fistel entleert wird. Es ist naheliegend, dass er Körper den Knochensplitter zersetzt und auseitert. Der Fistelgang ist in der weiten und lockeren Haut des Halses deutlich zu verfolgen. Es fühlt sich an wie ein dünner Schlauch, der
Kehlkopf und Haut verbindet. Die Fistel sondert drei Tage Eiter in unauffälliger Menge ab, dann ist sie trocken aber noch deutlich im Hals spürbar.

In Künzli-Kent, wie im Complete ist die Rubrik, die hier zu benutzen ist:

External Throat; FISTULAE, die nur zwei Mittel hat, Phos und Sil.

Ich gab Silicea C 200 (DHU), weil nach meiner langjährigen Erfahrung Sil. fast immer das Mittel ist, dass Fisteln zur Heilung bringt.

Die Wirkung war verblüffend: Innerhalb von drei Tagen war die Fistel im Hals nicht mehr tastbar, der Knochensplitter verschwunden! Howie war wieder völlig gesund und hat bis heute keine Nachbeschwerden. Knochen darf er allerdings nun nicht mehr haben.

Materia Medica Vergleich

„VERHÄRTUNGEN VON STEINERNER HÄRTE.

Ein starkes Gewebemittel für steinharte Drüsen, variköse u. vergrößerte Venen u. osteoporotische Knochen. Harte Knoten in der weiblichen Brust. Kropf. Kongenitale Syphilis. VERHÄRTUNG MIT DROHENDER VEREITERUNG.“
„Das Mittel ist besonders angezeigt bei verhärteten Drüsen, bei Verhärtungen des Zellgewebes und bei Knochenerkrankungen. Wenn Baryum carb. versagt hat, heilt Calcium fluoratum große und verhärtete Mandeln. Bei Eiterungen hat Calcium fluoratum Ähnlichkeit mit Silicea.“ (Kent)

Das Mittel wäre demnach auch bei der Differentialdiagnose eines Schilddrüsen- Tumors zuständig gewesen. Bei dem Wort „steinhart“ muss auch an die anderen Halogene (Fluor ist
Teil von Calc-f.) wie z.B. Bromum gedacht werden, darüber hinaus auch an Carb-an., wobei es sich hier fast immer um bösartige Tumoren handelt.

“Diese Bubonen sind steinhart; Carbo animalis ist besonders nützlich, wenn sie zu früh geöffnet wurden und eine gähnende Wunde blieb, die teilweise geheilt ist, aber das umgebende Gewebe fast steinhart zurückließ. Ferner ist Carbo animalis bei Krebs häufiger indiziert, als Carbo vegetabilis; hauptsächlich ist sie nützlich bei Krebs der Brust oder der Gebärmutter. Beim Brustkrebs ist die Drüse in kleinen Knoten induriert; ein kleiner umschriebener Teil derselben ist hart wie Stein.“ (Farrington)

„Verhärtungen an Geschwüren und Fisteln mit Brennen und fressenden Ausscheidungen.(Kent zu Carb-an.)

Conium hat ebenfalls steinharte Verhärtungen:

Die Anwendung von Conium bei Drüsenleiden und malignen Geschwulstformen schreibt sich her von seiner Kraft, Vergrößerung der Drüsen und Adenome hervorzurufen. Die affizierten Drüsen sind steinhart. „ (Farrington zu Conium)
Die Wirkung von Silicea auf Fisteln ist bekannt und muss nicht näher dargestellt werden.

Diskussion

Erstaunlich ist die prompte Wirkung beider Mittel. Sie sind bisher nicht dafür bekannt besonders schnell zu wirken, von Silicea wird sogar regelmäßig das genaue Gegenteil behauptet.
Die Wirkung der ersten Gabe Calc-f. ist genau dem Arzneimittelbild entsprechend: es reduziert eine harte Schwellung in Umfang und Härte.
Die zweite Gabe des Mittels bewirkt dagegen fast ein Wunder, indem der Körper des Hundes die einzige Möglichkeit zur Ausscheidung eines festen Fremdkörpers nach Außen nutzt, nämlich die Zersetzung, Eiterung und Fistelbildung.
Calc-f. hat alle Beziehungen zu diesem Vorgang die nur denkbar sind.
Es hat eine starke Beziehung zum Knochen und auch zur Fistelbildung.
TUMORS, benign; naevus* (Auszug aus Schuster MMR 1.3)


Silicea als zweite Arznei gegen die nun trockene Fistel, hat ebenfalls einen starken Bezug im Arzneimittelbild zur Ausscheidung von Fremdkörpern, zu Verhärtungen und Tumoren, wie das Mittel selbst substantiell ja als Kiesel- oder Feuerstein die mögliche Gestalt eines Tumors und auch dessen Härte hat.

Bernd Schuster, Diez


#9
Familiäre Überlastung: vier Kinder in fünf Jahren

Eine Frau, 35 Jahre alt, kommt zur Anamnese am 25.8.98.

Sie erzählt: „Ich komme wegen eines Erschöpfungszustandes. Ich bin im Erziehungsurlaub meines vierten Kindes, das ich vor einem halben Jahr bekommen habe. Das erste Kind habe ich vor fünf Jahren geboren. Das war sehr anstrengend. Wir haben eine Hof mit Tieren, mit Kühen, Pferden, Schafen, von daher sind wir voll ausgelastet. Mir geht es einfach schlecht, ich habe keine Nerven mehr, bin nur noch am Heulen, nur noch am Schreien. Ich habe das Gefühl, das bin nicht mehr ich.“ (Patientin stützt den Kopf in die Hand.)

(Wer sind Sie dann?)

„Ich komme mir vor wie eine Furie. Ich kenne mich so gar nicht. Ich habe eine Reizbarkeit gegen alles, was laut ist, gegen meine Kinder, gegenüber meinem Mann (beginnt zu weinen). Ich bin nur am Brüllen und schicke die Kinder hoch. Das ist kein Zustand, da werde ich meinen Kindern nicht mehr gerecht. Gegenüber meinem Mann ist es genauso.“

(Was darf der nicht mehr?)

„Der darf gar nichts mehr. Das finde ich so schlimm, der muss nur noch sehen, dass er irgendwelche Kinder nimmt.“

(Sie fühlen sich überlastet?)

„Ja, die Arbeit ist mir zu viel (weint stark), ich habe nie soviel gearbeitet.
Aber es ist noch etwas, was mit mir zu tun hat. Ich fühle mich überhaupt nicht gesund, habe Kopfschmerzen, fühle mich so schwach. Das kenne ich nicht an mir.“

(Wann haben Sie mal Zeit für sich selber?)

„Nie!! Ich habe es verpasst, mir von Anfang an diesen Freiraum zu nehmen. In drei Jahren ist es wieder besser, aber das halte ich nicht aus bis dahin. Die Kinder sind eben noch alle klein. Ständig will jemand etwas von mir.“

(Wenn Sie zaubern könnten und keiner wäre böse, was würden Sie wegzaubern?)

„Alle, alle würde ich wegzaubern (lacht). Alle würde ich wegzaubern, damit ich mal allein bin, mal für mich. Früher habe ich viel gemalt, war immer viel allein. Es ja O.K., dass sie da sind, aber eben nicht immer. Mir fehlt chronisch Schlaf.“

(Könnten Sie Hilfe brauchen, ein Hausmädchen und eine Kinderfrau?)

„Das habe ich schon oft überlegt. Nein, das wären ja noch zwei mehr!
Ich will niemand zusätzlich.“

(Hätten Sie gerne jemand weniger?)

„Das hört sich so schlimm an, ich habe da gleich ein schlechtes Gewissen! Ich habe total tolle Kinder. Ich habe ein chronisch schlechtes Gewissen.
Die Tiere kann man auch nicht stehen lassen, die müssen auch versorgt werden. In Moment ist bei mir „der Ofen aus“, ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“

(Stillen Sie noch?)

„Ja. In den letzten Jahren habe ich nur gestillt oder war schwanger.

Das vierte Kind saugt sehr an mir.“ (Die Patientin stützt ohne Pause den Kopf, weint ohne Unterlass.)

(Sie sind gefangen in dieser Situation?)

„Ich muss da durch, fühle mich total gefangen. Ich bin unter Zeitdruck, oder mein Mann macht Druck, weil er aufs Feld muss. Der ist ein Arbeitstier und kennt solche Bedürfnisse nicht, das hat sich erst jetzt herauskristallisiert.“

(Sind sie enttäuscht?)

„Ja! Mein Mann sieht das nicht, er erkennt das nicht an. Es ist mit einem ständigen Kampf verbunden. Es ist immer Druck da, wenn ich mal das Bedürfnis habe, allein zu sein. Das ist ihm sehr fremd. Das enttäuscht mich immer mehr. Ich habe nicht den Freiraum, den ich
brauche.
Er nimmt mir die Kinder nicht ab, ich kann nicht weggehen, muss immer da sein. Es ist nur möglich, allein zu sein, wenn ich weggehe. Das geht aber nur mit einem schlechten Gewissen. Es liegt auch sehr an mir. Ich klammere sehr an den Kindern. Ich bin sehr ängstlich. Ich denke beim Autofahren immer, es passiert etwas den Kindern oder mir. Die Ängste sind nicht mehr O.K.“

(Wie mitfühlend sind Sie, nur bei den Kindern oder auch für die Welt?)

„Sehr! Aber von der Welt bekomme ich nichts mit! Ich bin so eingebunden. Ich habe ständig ein schlechtes Gewissen. Es soll allen gut gehen, aber wenn ich merke, dass es denen durch meine Brüllerei nicht mehr gut geht, bekomme ich das schlechte Gewissen. Ich stelle mir dann die Situation meiner Kinder vor.“ (Weint stark.)

(Kopfschmerzen?)

„Ja, so ein Gefühl, als seien die Kopfschmerzen nicht da, als haue einem einer auf den Kopf. Oft ist das morgens, dann habe das Gefühl, ich habe Kopfschmerzen, aber ich habe keine. Ich habe immer das Gefühl, ich habe einen „dicken Kopf“. So wie ein Kater. Ich habe Verlangen nach frischer Luft, weil mir immer die Nase zugeht.“

(Nase voll?)

„Ja, und Rückenschmerzen habe ich. Vor allen nachts und morgens. Die Schmerzen kommen von unten nach oben. Das ist eine Steifigkeit, eine Unelastizität der Lendenwirbelsäule und in der Gegend der Schulterblätter.
Ich bin nicht geschmeidig.
Die Kinder habe ich zwischen neun Monaten und einem Jahr gestillt. Die Kinder, vor allem die ersten beiden, waren stark gewollt. Ich bin sehr fruchtbar, bin sofort schwanger. Das setzt mich jetzt auch unter Druck, weil ich über eine Sterilisation nachdenke. Ich habe panische Angst, wieder schwanger zu werden. Die Kinder liegen alle in unserem Bett.
Das ist nicht gut für die Beziehung, ich fühle mich unverstanden.“

(Können Sie mit den Satz: “Es ging nie um mich.“ etwas anfangen?)

„Ja! (weint) Ich möchte gerne wieder aufsteigen. Ich habe die ganze Zeit viel zu wenig auf mich geschaut. Mein Mann ist total froh, der hätte am liebsten sechs Kinder. Wenn ich nicht so rumbrüllen würde, könnten wir alle eigentlich ganz glücklich sein. Die Kinder wenden sich jetzt mehr dem Papa zu.“

(Geruchsempfindlich?)

„Sehr, gegen Fisch und gegen Fleisch. Gebratenes kann ich nicht riechen, konnte ich noch nie. Wenn mich jemand nicht mag, merke ich das am Geruch. Mein Mann stinkt mir auch manchmal, das schockiert mich auch. Der soll mir zur Zeit nicht auf die Pelle rücken, Sex ist nicht.“

(War das früher schon so?)

„Nein, das ist nach dem vierten Kind neu. Das kenne ich eigentlich überhaupt nicht an mir. Auch die Angst vor einer neuen Schwangerschaft spielt eine Rolle.“
(Können Sie Widerspruch vertragen?)
„Schlecht. Der Wunsch, dass es wieder harmonisch wird bei uns, ist stark.“

(Was essen Sie gerne?)
„Schokolade! Das ist wie Nervennahrung. Auch gerne Butter und Kartoffeln. Ich esse gerne fett, auch Käse. Ich habe den Eindruck, ich brauche das. Ich hatte früher immer eine Neigung zu Durchfall, oft bei Stress und Aufregung, nach dem letzten Kind habe ich Verstopfung.“
(Was sind Sie für ein Mensch gewesen vor den Kindern?)
„Früher war ich oft krank mit dem Darm, hatte immer Koliken. Ich habe immer viel gemalt, habe mich gesund gemalt. Ich war immer viel allein, habe gemacht, was ich wollte. Als ich dann gesund war, habe ich meinen Mann getroffen, und dann wollte ich auch Kinder haben. Früher war ich nur mit mir beschäftigt, und heute bin ich gar nicht mehr mit mir
beschäftigt.“
(Wo geht es Ihnen am besten, in welchem Klima, in welcher Landschaft?)
„Bei uns auf dem Land geht es mir gut. Ich könnte mich nie von dem Haus trennen, wo wir leben, obwohl es eine Baustelle ist. Es ist ein ganz altes Haus, an dem wir noch viel machen müssen. Ich bin schon ein Gewohnheitstier.“
(Fühlen Sie sich angespannt?)
„Ja, ich bin immer angespannt. Ich denke immer, was noch alles zu machen ist. Es fehlt mir völlig das Gefühl, in meiner Mitte zu sein.“
(Lachen?)
„Ich bin viel ernster geworden, kann nicht mehr lachen. Bin schlapp, träge, lustlos. Ich kann nicht mehr.“

Repertorisation
Allgemeines; SCHWANGERSCHAFT, Beschwerden in der; nach der Schwangerschaft (3)
Gemüt; REIZBARKEIT; Kindern, gegenüber den (3)
Gemüt; ÜBERFORDERT, Gefühl als ob (2)
Gemüt; GESELLSCHAFT; Abneigung gegen; besser durch Alleinsein (24)
Gemüt; ANGST; Gewissensangst, als ob man ein Verbrechen begangen hätte (vgl. Wahnideen; Verbrechen; Unrecht) (45)
Gemüt; GEFANGEN, Lebenssituation, in einer (4)
Gemüt; WEINEN, zu Tränen geneigt; erzählt, wenn sie von ihrer Krankheit (9)
Kopf; "BRUMMSCHÄDEL" (3)
Nase; GERUCHSSINN; scharf; empfindlich gegen den Geruch von; Speisen (10)
Gemüt; ANGESPANNT (3)
Gemüt; ERNST; lachen, kann kaum (1)

Verordnung Bambus Q 6 Dil 1, (Enzian-Apotheke, München), 1xtäglich.

Follow-up vom 25.9.98
Patientin sieht ganz anders aus, erholt, nicht weinerlich.
(Sie haben mir vor vier Wochen Ihr Leid geklagt, dass alles schlimm ist.)
„Ja, das muss ganz schlimm gewesen sein (lacht).
Es geht mir besser, ich war sehr erschöpft. Es ist noch nicht gut, aber viel besser. Meine Reserven sind noch nicht groß. Es ist erstaunlich, ich kann wieder mehr aushalten. Ich bin nicht mehr so am Brüllen. Mit meinem Mann, das wechselt noch, es geht aber besser. Das schlechte Gewissen ist nicht mehr so, muss nicht mehr weinen. Auch meine Ängste,
dass etwas passiert, sind besser. Der Brummkopf ist erstaunlich gut.
Der Rücken war besser, hat aber diese Woche wieder angefangen. Ich habe Beschwerden morgens bei den Schulterblättern, als müsste ich mich strecken. (Überdosis?) Habe allerdings auch ständig ein Kind auf dem Arm. Meine Geruchsempfindlichkeit ist auch weniger. Verlangen nach Schokolade habe ich noch, auch nach Butter.
Ich fühle mich nicht mehr so ausgezehrt. Die Anspannung ist besser. Sex ist ein bisschen besser. Anfangs hatte ich Entzugserscheinungen vom Kaffee (wurde verboten), ich habe allerdings auch mindestens zwei Kannen davon täglich getrunken. Hatte das Gefühl es zu brauchen. Ich hatte den Wunsch, mich zu „puschen“.
Verordnung: Bambus Q 6 Dil 1, alle 2 Tage, soll sich bei Bedarf melden.
Kommentar:
Ein außerordentlich klarer und exemplarischer Fall für Bambus. Vier Kinder in fünf Jahren, Haus und Hof, Tiere und Feld und nie einmal Ruhe, wer kann das schon aushalten? Hier ist eine Stütze nötig, die Bambus glänzend gegeben hat. Auch das „burn out“, das Ausbrennen durch die „Blüte“, die Vermehrung und die damit verbundenen Belastungen, sind klar zu erkennen.
Alle Symptome sprachen für Bambus, das sowohl durch Repertorisation in meinem Repertorium als auch durch die Idee der Störung und durch das Erkennen einer typischen Lebenssituation klar gesehen werden konnte.
Weiterer Verlauf: Wegen der klaren Besserung auf allen Ebenen wurde keine Wiedervorstellung festgelegt. Bei Bedarf sollte sich die Patientin melden, was bisher nicht erforderlich war.
Anruf Dezember 1998:
Es geht gut, keine weitere Behandlung nötig.

#10
Hyperaktives Kind mit ADS
M. wird erstmals am 3.4.98 von seiner Mutter vorgestellt. Er ist neun Jahre alt. Auffallend ist, dass er mit einer Sonnenbrille das Sprechzimmer betritt, die er anfangs auch nicht beim Gespräch abnimmt. Er ist völlig unruhig. Er hat eine Uhr an, mit der man
schießen kann, die er sofort mit großer Freude vorführt. Dann holt der Junge ein Funkgerät aus der Tasche und führt es vor. Er hat
nur Unsinn im Sinn.
Bei seiner Geburt, die acht Tage zu spät erfolgte, ist es zu einem Sauerstoffmangel gekommen. Er wog nur 2850 Gramm. Die Plazenta war angewachsen (Plazentaretention) und grau. Die Zahnung begann mit sechs Monaten, das Laufen gelang erstmals mit 13 Monaten. Er schrie anfangs ständig wegen Magenbeschwerden und Blähungskoliken. Im Verhalten war er auffällig. M. nahm anderen Kindern die Spielsachen weg und schubste sie ohne Grund. Es war unmöglich mir M. auf einen Spielplatz zu gehen, da er nur die anderen Kinder ärgerte. Mit fünf Jahren wurden die Tonsillen entfernt, weil M. oft Angina hatte, die auch mehrfach mit Antibiotika behandelt wurde. Weiter berichtet die Mutter von einer Keuchhustenerkrankung.
Das Kind kommt wegen Wahrnehmungsstörungen und Konzentrationsschwäche (ADS) zur Anamnese. M. findet Dinge nicht, verwechselt Sachen, ist völlig zappelig und unruhig. Er verläuft sich, ist verwirrt und hat keine Orientierung. Er kann ein Buch nicht an der richtigen Stelle aufschlagen und in der Schule an der Tafel die korrekte Zeile identifizieren. Wenn er in der Schule auf die Toilette geht, findet er den Klassenraum nicht mehr wieder.
Im Urlaub kam er nicht wieder, als er mit den Fahrrad wegfuhr.
Wenn er etwas nicht bekommt, motzt er eine Stunde lang. (M. lacht albern und spricht dazwischen.) Angst im Dunklen, er muss ein Licht haben. Es kommt aber nicht zu Angstanfällen nachts.
M. kann nicht rechnen, lässt sich völlig ablenken, hat wenig Lust zum Lernen. Er ist an allen Bewegungsspielen interessiert, wie Fußball und Turnen. Auch der Schlaf ist unruhig. Er redet im Schlaf und tritt mit den Beinen. Er kann nicht ohne Licht schlafen, die Tür des Zimmers muss offen sein. Der Junge ist sehr geräusch- und lichtempfindlich.
M. ist extrem ungeduldig, alles muss sofort sein. (M. kommentiert das Erzählen ständig mit „Was?, Heee?” Er hampelt herum.) Er nimmt die ganze Untersuchung nicht ernst, ist albern, macht Grimassen und spielt Theater, lacht ständig übertrieben und herrscht
die Mutter an: „Halt den Mund!“ Er ist sehr diktatorisch (besonders zu seinem Bruder und zu Freunden), will immer im Mittelpunkt stehen. Er spricht am laufenden Band, macht Unfug, erschreckt Leute. Abends liebt er es „Gruselhefte” zu lesen. Er überschätzt sich
selbst gewaltig, meint immer er könnte alles, bringt aber nur einen Bruchteil davon fertig. Im Unterricht ruft er in die Klasse, stört den Unterricht. Es ist ihm langweilig, er muss immer etwas machen, stillsitzen ist ihm ein Gräuel.

Am liebsten trinkt er Cola („Ist hier eine?”) und isst Schokolade.
Würde Cola ohne Ende trinken, er darf aber nur einen Becher haben. Er isst auffallend viel, oft mehr als die Mutter. Isst immer zwischendurch, verlangt Cornflakes. Oliven mag er nicht.

Verordnung: Cola Q 6 Dil 1, 1x täglich.

Verlauf: Die Mutter ruft am 23.4.98 an. Es sei in der letzten Zeit alles extremer geworden. Er lacht ständig albern und kann nicht einschlafen.
Beurteilung: Überdosis. Das Mittel wird drei Tage abgesetzt und dann nur alle zwei Tage eingenommen.
Repertorisationsgrafik vom 3.4.98 (Siehe mein Buch Cola in der Praxis)

Wiedervorstellung am 8.5.98
M. kommt ohne Sonnenbrille. Die Unruhe und die Albernheit sind besser. Er lacht viel weniger, ist ernsthafter, nicht so überdreht. Er kann sich besser konzentrieren, hat viel mehr Ausdauer beim Lernen und in der Schule. Hat bessere Noten in Schularbeiten. Er kann sich viel besser orientieren. Die Handschrift ist viel besser geworden. Die Mutter bringt seine Schulhefte als Beweis mit. Das Rechnen ist besser geworden.
Er ist verständiger geworden und widerspricht nicht ständig, motzt weiniger.
Beurteilung: Korrektes Mittel, gute Wirkung
Verordnung: Cola weiternehmen, alle zwei bis drei Tage Dil 1.
Wiedervorstellung 20.10.98
M. ging es toll. Nach den Sommerferien hat die Mutter das Mittel weggelassen. Er verläuft sich nicht mehr. Das diktatorische Verhalten ist seit dem Absetzen von Cola wieder schlimmer. Er hat unstillbaren Hunger. Er geht gerne Schwimmen, hat alle Auszeichnungen, die in seinem Alter möglich sind. Geht nicht gerne zu Schule. Macht in der Sprechstunde Ratespiele mit der Mutter und macht
Grimassen.
Beurteilung: Das Mittel ist noch nötig, schlechter nach dem Absetzen.
Verordnung: Cola Q 12, zwei Wochen täglich, dann alle 2-3 Tage.
22.2.99
Anfangs wurde M. unruhig. Besser nach Dosisreduzierung. Konzentration ist gut. Er ist nicht mehr so unruhig und hyperaktiv.
19.3.99
Es war sehr gut mit dem Kind. Das Mittel wurde von der Mutter abgesetzt. Jetzt ist es wieder schlimmer. Von morgens bis abends ist er nur am Meckern und Motzen. Er hat eine „Vulkanlampe” geschenkt bekommen, die nach einer Stunde Vorwärmzeit funktionieren sollte, tat es aber nicht, extrem ungeduldig. Die Unruhe ist aber im Vergleich zu früher viel besser. Er hat keine Wahrnehmungsstörungen mehr.
M.: „Die Mama hat mit ihrem Freund ganz laut Sex gemacht. Da habe ich alle Uhren in meinem Zimmer abgestellt, damit ich es besser hören kann.” (lacht)
(Ist Sex ein schönes Thema für Dich?)
„In Sexualkunde war ich der Beste!” (Erzählt zum Entsetzen der Mutter Einzelheiten, wie oft er es gehört hat usw.)
(Sex ist bei den Mitteln, die hier zu differenzieren sind, nämlich Stramonium, Lycopodium und Cola (siehe Cola-Prüfung Seite 132), sehr wichtig.)
Das Schreiben ist O.K. Das Grimassieren und das Lachen ist viel besser. Er ist immer noch frech und muss das letzte Wort haben. Er erzählt ziemlich laut und vorwitzig. Er macht Streiche, hat einen Briefkasten mit Feuerwerk angesteckt. M. verläuft sich nicht mehr. Er isst immer noch sehr viel. Er isst zwei Teller leer und will eine halbe Stunde später schon wieder etwas anderes. Er ist aber nicht dick. M. geht oft auf die Toilette, hat mehr als einmal Stuhlgang täglich.
Verordnung: Cola C 200, in Wasserauflösung, drei Teelöffel. Weil es bisher immer Eigenmächtigkeiten beim Absetzen des Mittels gab, gebe ich eine C Potenz, in Wasser aufgelöst, an drei aufeinanderfolgenden Tagen je drei, zwei und einen Teelöffel.
25.3.99 Telefon
M. ist nach dieser Medizin sofort eingeschlafen abends. Er ist insgesamt viel ruhiger und macht nicht mehr ständig den Kasper. Sein Bewegungsdrang ist geringer. Die Mutter ist mit der Entwicklung zufrieden. Keine weitere Medikation bisher (5/2002).
Bernd Schuster, Diez